Ton jeu est fini

Manchmal kann auch das Haltbarkeitsdatum von Gefühlen ablaufen, entgegen der allgemeinen Lehrmeinung, Seelenwunden verheilen nie ganz. Das ist dann der Augenblick, an dem ich öffentlich werden kann; an dem die Gaukler hervorkriechen und mit langen bärtigen Gesichtern traurig im Kuriositätenkabinett zu jonglieren beginnen.

So wie sie werde ich wohl nicht werden, werde ich wohl niemals werden. Ich könnte sitzenbleiben in der Tram, einfach so. Mit dem kribbeligen Gefühl etwas zu tun, was ich sonst nie tue. Wie ein Junge, der über den Schulhof schleicht zu einer Uhrzeit, zu der er dort nicht sein dürfte. Ein gespannter Entdecker.
Ich könnte einfach sitzenbleiben in der Trambahn und bis zur Endhaltestelle fahren, die kenne ich ja eh noch nicht, da war ich noch nicht. Vielleicht sieht es dort ja ganz anders aus?

„Du sollst nicht immer so Ich-bezogen schreiben, Sebastian, nicht immer so subjektivistisch. Gehe aus dir heraus, nimm deine Charaktere mit, abstrahiere, fühle ehrliche Empathie und blicke durch die Augen der Anderen“. So recht wie die Lehrerin mit ihrer Anweisung doch hatte, so wenig konnte ich ihren Ratschlägen folgen, sah ich mich doch noch immer nicht in der Lage, den Blick in fremde Gärten zu tun. Es war eine Beschränkung aus der Zeit vor dem Unfall und ich tat mich schwer, sie zu überwinden.
„Nehmt Sie ernst!“, mahnte uns Frank und er hatte nicht den blassesten Schimmer davon, wie sehr ich mich anstrengen musste, ihr überhaupt zuzuhören. Von dem Moment an wusste ich, es würde nur wieder eine weitere Episode des Scheiterns aus einer schier endlos langen Serie der persönlichen Aufzeichnungen eines Gemiedenen sein. Soviel stand fest.

„Es gibt einen Trick, um weder Spacko noch Sportskanone zu sein: Man ist niemand. Das ist leichter, als man glaubt. Ja, man muss nur Praktikant oder Hospitant oder dergleichen sein. Dann ist man zumindest immerhin irgendwas, aber nur unwesentlich mehr als niemand.“

In der Stadt
Die Stadt ist synthetisch. Alles an ihr wirkt ausgedacht (komponiert klänge zu harmonisch, zusammengesteckt zu technisch, aber irgendetwas dazwischen höchstwahrscheinlich). Da gibt es Tage, da funktioniert diese Illusion, da meint man, sie sei ein ganz großes räderndes Etwas. Und sie kommt mit der Nummer durch. Und dann gibt es Tage, da nehme ich ihr die Rolle nicht ab und sie zerfällt in tausendmilliarden Fragmente, die alle gegeneinander Arbeiten und für sich genommen ihr Routineprogramm abspielen. Ein kakophonischer Misthaufen. Solche Tage eben, an denen man das Klimpern und Krachen in dem Apparat hört.

Land, allein
Zur Zeit denke ich mir alle Menschen weg. Zur Zeit – das sage ich Ihnen jetzt ganz offen und ehrlich – habe ich die Schnauze voll von allem und jedem.
Ich will allein sein auf einer selbst von Gott verlassenen Welt; will weglaufen über braune Äcker und stolpern über lehmige Erdschollen; will fliegen, davonrennen, in den Wald, mit Hasen und Rehen um die Wette, die von diesem irren Nichtmenschen aus dem Unterholz aufgescheucht werden und mit großen erschrockenen Augen und tropfenden Schnauzen davonhetzen.
Dann will ich nicht so sein wie jetzt, werde König eines jeden neuen Morgens sein und rufen und brüllen, werde mich in diesem Wahnsinn suhlen, mit getrocknetem Schlamm in Haar und Gesicht, weil keiner mehr zurückruft und ich dann wirklich allein bin. Im kalten Dezember Nullneun, wenn kleine Kondenswölkchen aus dem Mund steigen.

„Ich bin mein Himmel und meine Hölle.“
Friedrich Schiller

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