Werbeversprecher

Manchmal komme ich mir so vor, als lebe ich in einer Gesellschaft die auf Teufel komm raus entmündigt werden will. „Fliegt nicht so viel, raucht nicht so oft, fahrt nicht so weit; zu viel Salz ist schlecht, zu wenig Salz aber auch, Salz aus dem Himalaya ist aber überhaupt das Beste!“, ein schizophrenes „well-balanced-life“, das mit vorgekauten Argumenten, serieller Kargheit, Zwangsjacken und Strengedenken ausser mittelprächtigen Psychosen höchstens noch Gehirnblähungen und Krätze auslöst. Aber um was geht es eigentlich?

„Eine Mutter in den USA klagt gegen den Hersteller von Nutella. Sie habe festgestellt, dass die Schokocreme ihr Kind dick machen könnte, obwohl doch die Werbung ein „gesundes und nahrhaftes Frühstück“ anpreise. In Nutella steckt „ähnlich viel Fett und Zucker, wie in einem Schokoriegel“. Das könne nicht gesund sein für ihr vier Jahre altes Kind, stellte eine Mutter aus Kalifornien fest und fühlte sich getäuscht.“

Quelle: heute.de Nachrichten

Produkthaftungsklagen sind in Amerika ein einträgliches Milliardengeschäft. Mit „irreführender Werbung“ zu argumentieren halte ich jedoch für ein Stück weit naiv, da fast jede Werbung auf die eine oder andere Art irreführend ist. Die Natur der Werbung ist zu verleiten, zu einer womöglich irrationalen Entscheidung zu bewegen. Dem Bauern, der seine Karotten vom Hof gutmütig für 1,50 anbietet, mag man noch keine willentliche Irreführung unterstellen. Aber schon bei den Tomaten im Supermarkt geht es los: Sie werden gezüchtet und getrimmt auf ein perfektes Aussehen, schmecken aber scheußlich oder im besten Falle nach gar nichts. Das Aussehen entspricht also nicht dem Geschmack: irreführende Werbung.

Eine Frau, die um die Gunst des Mannes „wirbt“, sich schminkt und mit Push-Up alles zurecht rückt, von dem die Schwerkraft überzeugt ist, es in eine andere Richtung ziehen zu müssen, betritt den Jahrmarkt der Eitelkeiten auch unter Vortäuschung eines falschen Sachverhalts. Der kritische Mann, mit genügen Blut im Hirn (oder in der Hose) kann dann entscheiden, ob die Körbchengröße echt oder bloß drapiert ist.

Die Frage ist also: Verfüge ich über genügend kritischen Verstand, um mich von der Werbung nicht vollends hinters Licht führen zu lassen oder fresse ich unreflektiert wirklich jeden Scheiss, den mir die Werbeindustrie vorsetzt? Und da betrachte ich diese Diskussion von zwei Seiten her:

  • Von der Perspektive des (hoffentlich) mündigen und (hoffentlich) denkenden Erwachsenen.
  • Von der Perspektive eines Kindes.

Letzteres kann nicht selbst entscheiden, was gesund ist und was nicht. Es lässt sich von leuchtenden Farben der Verpackung und simplen Werbeversprechen eher verleiten und muss in die Obhut genommen werden. Krassestes Beispiel hierfür ist Nimm2. Jeder mündige Konsument weißt natürlich schon lange, dass Nimm2 einfach nicht gesund ist, egal wie viel Vitamin C drinsteckt. Perfider ist diese Werbung bei vielen Joghurt-Produkten, die als allgemein gesundheitsfördernd akzeptiert sind. Am Beispiel von Fruchtzwergen jedoch, wo nicht auf jedem Becher die Nährwertangaben verzeichnet sind, sondern höchstens auf einem Etikett einer ganzen Sechserpackung, kehrt die enthaltene Menge an Zucker die Gesundheitsbilanz des Joghurts ins Negative, was vielen Müttern schon nicht mehr bewusst ist, den Kindern natürlich erst recht nicht. Bei McDonalds stehen die Nährwertangaben gar auf der Rückseite der Papierunterlagen der Tabletts, die man aber meist erst dann – wenn überhaupt – umdreht, wenn das Tablett leer, die Hamburger, Pommes und Cola somit schon gegessen und getrunken sind. Enigmatisch-bunte Nährwertsymbole, die seitlich auf der BigMac-Packung angebracht sind, helfen da auch nicht weiter.

Ich bin für ein Verbot von irreführender Werbung in dem Sinn, als dass sie Kindern nicht suggerieren darf, sie hätten ein gesundes Produkt vor sich. Was ich allerdings für noch viel wichtiger halte ist, dass durch diese „Auslagerung von Aufklärungsarbeit“ die Erwachsenen sich nicht vollends aus der Verantwortung genommen fühlen. Es ist in aller erster Linie immer noch ihre Aufgabe zu überprüfen, was und wie viel das Kind isst.

Selbst, wer Nährwertetabellen scheut sollte wissen, dass die Inhaltsstoffe auf deutschen Etiketten gemäß der enthaltenen Gesamtmenge aufgeführt sind. Soll heißen: Was zuerst draufsteht, ist auch am meisten drin.

Zutaten:
Zucker, pflanzliches Fett, Haselnüsse (13%), fettarmer Kakao, Magermilchpulver (7,5%), Emulgatoren Lecithine (Soja), Vanillin.

Na, klingelts?
Das Motto ist alt, funktioniert aber noch immer:
„Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bemächtigen.“
Herdplatten sind heiß, Kaffee ist heiß, das haben wir alle irgendwann einmal gelernt. Entweder schmerzlich am eigenen Körper oder mit erhobenem Zeigefinger und mahnenden Worten der Eltern. Wer dann nicht über genügend Abstraktionsvermögen verfügt, „Kaffee heiß“ mit „Heiß verursacht Schmerz“ zu kombinieren, glaubt auch an den Weihnachtsmann und muss tendenziell vor jedem Superman-Comic geschützt werden (nein, nicht jedermann in blauer Leggings und rotem Umhang kann fliegen).

Eine von Verbraucherschützern geforderte Lebensmittelampel ist sinnvoll, verschafft sie doch bei aller Produktvielfalt eine schnelle Auskunft über die Menge bedenklicher Inhaltsstoffe in einem Produkt. Anders die amerikanischen Etiketten, die oftmals schwer zu interpretieren sind, da dort meist nur die vom Hersteller empfohlene Tagesdosis angegeben wird. Und die liest sich dann sehr euphemistisch, lässt jedoch einen kritischen Vergleich mit anderen Produkten kaum zu, da die Menge der empfohlenen Tagesdosis von Produkt zu Produkt variiert.

Nutella als einen gesunden Brotaufstrich zu bezeichnen ist sicherlich nicht richtig. Aber wie naiv ist es denn bitteschön, einem Vierjährigen eine Nuss-Nugat-Creme unter die Nase, bzw. aufs Brot zu reiben und sich dann zu wundern, wenn das Kind fett wird? Man sollte ALLES, was man seinen Kindern gibt vorher auch mal selbst probiert haben. Und Herrgott, wenn von 100 Gramm Brotaufstrich 50 Prozent aus Zucker und 30 Prozent aus Fett bestehen, dann kann das Produkt einfach nicht gesund sein. Bitte Hirn anschalten.

Äpfel sind zum Beispiel auch sehr gesund. Wenn ich aber ein Kilo Äpfel zu mir nehme, steigt mein Blutzuckerspiegel auch bis knapp vor Reinkarnation als Snickers-Riegel. Was also tun? Auf Paracelsus hören, der schon vor gut 500 Jahren sagte:

„Alle Ding‘ sind Gift, und nichts ohn‘ Gift; allein die Dosis macht, daß ein Ding kein Gift ist.“

(Danke an Andy für den kreativen Input.)

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