Date: 12. Februar 2012

Herbstglühen

“Rot und Blau?”
“Lila!”
“Blau und Gelb?”
“Grün!”
“Gelb und Rot?”
“Orange!”
“Alles zusammen?”
“Bunt!”
“Nicht ganz. Das heißt, zuerst schon, aber dann … Pass auf, wir mischen mal. Guck!”
“Matsche!” Kichernd.
Wir malen und matschen. Essen Maroni aus dem Ofen. Fühlen uns ganz Herbst. Lailas milchkaffeefarbene Händchen sind bedeckt mit bunten Sprenkeln.

Ich pinsle welke Blumen aufs Papier, aber das sage ich der Kleinen nicht. Stattdessen behaupte ich, es seien Schlangen. Freundliche, ungiftige Baby-Schlangen, die Hunger haben, und deswegen male ich ihnen Kuchen. Um den welligen Linien das Florale zu nehmen, kleckse ich ockergelbe, gleichmäßige Muster darauf. Laila lacht und pustet sich eine dunkle Locke aus der Stirn.

Meine Liebe zu dir habe ich brutal aus meinem Herzen gerissen, mitsamt den Wurzeln und Blättern und Blüten. Jetzt liegt sie irgendwo in mir herum, während ich meistens darauf hoffe, dass sie stirbt, sie manchmal sogar vergesse. An anderen Tagen betrachte ich besorgt die Wurzeln, streiche zärtlich darüber und frage mich, ob sie noch stark genug sind, um wieder zu greifen, wenn man sie endlich in saftige Erde steckte.

Ich warte darauf, im Treppenhaus deine Schritte zu hören, halte den Atem an, damit ich sie nicht verpasse. Als könne ich dir ein wenig nah sein, durch dieses alberne Lauschen und das Knirschen der Stufen. Dich im selben Haus zu wissen, zerkratzt mir das Herz, und doch war ich froh, wie elektrisiert, als Marc mich bat, auf seine Tochter aufzupassen heute Nachmittag.
Vor einigen Wochen hätte ich sogar beinahe mit ihm geschlafen deshalb. Wegen seiner Nähe zu dir. Er ist dein bester Freund, ich hätte mir vorgestellt, dass ich einen Teil von dir berühre, und vielleicht hätte Marc dir davon erzählt und dass es schön war mit mir. Du hättest dich erinnert an unsere Nächte und möglicherweise hätte es etwas in deiner Seele berührt, endlich einmal! Gerade noch bekam ich die Kurve und betrog mich nicht selbst.

“Bist du traurig?”, fragt Laila plötzlich besorgt, und ich nicke.
“Nur ein bisschen, Maus.”
Sie nimmt mich in den Arm. Da kann ich mich nicht mehr beherrschen, fange an zu weinen und schäme mich unendlich dafür.
Das Kind dagegen nimmt es erstaunlich gelassen: “Jetzt putzt du dein Herz!”
Ich lache wieder. Dann waschen wir uns die Hände und blättern in Bilderbüchern, bis es Abend wird. Um halb neun bringe ich Laila ins Bett, und bald darauf kommt Marc.

Wir trinken Kakao mit einem Schuss Rum, als ich bemerke, wie es in seinen Augen zu glitzern beginnt. Wie seine Hand zuckt, als wolle er nach der meinen greifen und könne sich nur mit Mühe beherrschen. Ich weiß nicht, was das in mir berührt und hoffe bloß, dass es nicht Mitgefühl ist oder die Angst vor der ewigen Leere. Etwas lässt mich näher rücken zu ihm und mit den Fingerspitzen seinen Handrücken streifen. Plötzlich begehre ich ihn, als hätte ich nie etwas anderes getan.

Er küsst meine Verblüffung weg, meine Tränen und dich. Beinahe vergesse ich zu atmen. Um Laila nicht zu wecken, sind wir ganz leise, langsam und sanft. Es ist, als könnte ich seinen Herzschlag mit meinem verschmelzen lassen, während unsere Körper einander finden. So voller Frieden, dass ich zittere und weine, als ich komme, und gar nicht mehr aufhören kann.

Später starre ich in die Dunkelheit. Ich weiß nicht, wie es uns gelingen wird, mit der Verschiebung der Dinge umzugehen, Marc, Laila, dir und mir. Ich weiß nicht, was wird aus den welken Blumen, ob sie zerfallen werden zu Dünger, auf dem eine neue Liebe gedeiht. Ob ich darauf Einfluss habe und wenn ja, wieviel.
Da sammeln wir alle Narben auf unseren Herzen, und vielleicht, wer weiß, erkennen wir eines Tages Muster darin, deren Schönheit wir fühlen und annehmen können. Ich hoffe darauf, während ich Marcs Wärme in meinem Rücken spüre. Mich kaum zu rühren wage, aus lauter Angst, der Moment könne schneller vergehen dadurch. Irgendwann schlafe ich ein und träume von einem Meer aus raschelndem Laub.
Am nächsten Morgen krabbelt Laila zu uns ins Bett und strahlt.

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