Meat on a mission

Fleisch ist neuerdings auf einer Mission (und damit sind nicht Schweine im Weltall gemeint). Bereits im Februar wurde in mehreren Beiträgen auf Zeit Online, Spiegel (mit Video) und Kulturspiegel darüber berichtet.

Dennis Buchmann, der schon für das Magazin Humanglobaler Zufall verantwortlich war, zeigt dem geneigten Konsumenten auf der Seite meinekleinefarm.org in einer Art Tagebuch das Leben und Sterben von Biofreilandschweinen, also sozusagen den gesamten Verwurstungsprozess, bis hin zum fertigen Produkt. Man sucht sich ein Tier im Schweine-Shop aus (dort ganz ordentlich mit schwarz umrandeten Kondolenzfotos abgebildet) und bestellt das Fleisch eines Tieres, dessen Leben man online verfolgen konnte: Wurst im Glas, Schlackwürste, Mettwurst, Räucherschinken, die ganze Palette. Geschlachtet wird lokal und auf jedem Produkt klebt ein Etikett mit dem Foto des Tieres, das drinsteckt. Wurst mit Gesicht statt Gesichtmortadella also? Dennis Überzeugung:

„[…] Wer auf anonymes Massenfleisch verzichtet und stattdessen nur ab und zu Fleisch mit Gesicht von glücklichen Schweinen kauft, der bringt gutes Karma – für sich, die Tiere und den Rest der Welt.“

Vielleicht muss man nicht gleich mit Karmapunktesammeln anfangen – die Meisten tun sich schon schwer damit, einigermaßen anständige Eindrittelchristen abzugeben -, aber das Prinzip ist nur logisch und vor allem konsequent umgesetzt.

Wer beim Discounter seiner Wahl vor den meterlangen Fleischregalen steht, sieht dort nur steril verpackte Produkte, eingeschweißt in Plastikfolie. Es sind abstrakte Waren, denn es besteht überhaupt kein Bezug mehr zum Tier selbst und das ist durchaus beabsichtigt. Ein generelles Problem unserers Konsumverhaltens ist doch, dass am liebsten verdrängt wird, was offensichtlich auf den Teller kommt: dass ein Tier für die eigenen, persönlichen Bedürfnisse unter zweifelhaften bis abartigen Umständen gehalten, gezüchtet und getötet wurde. Punkt, aus, Ende – da muss man keine Moralkeule schwingen, das ist Status quo.

So, hier sind wir also. Das Fleisch ist günstig, also wird konsumiert wie bescheuert. Und plötzlich ist da ein mittelprächtiger Dioxinskandal o.ä., weil irgendwer irgendwo noch mehr Profit erwirtschaften möchte und Massentierzucht nicht nur ganz passable Fleischmengen, sondern auch etwas anderes produziert: den Lebensmittelskandal. Der schafft es dann in die Nachrichtensendungen des Vorabendprogramms und auf die Titelseiten diverser Tagszeitungen.

Jeder darf von nun an ein kleines bisschen rummeinen und sich zwei Wochen lang echauffieren. Von noch besseren „Kontrollmechanismen“ ist dann zu hören, von noch schärferen Gesetzen, den schärfsten überhaupt, wie man sich sagt. Bis die Aigners dieser Nation auf der nächsten Landwirtschaftsmesse fleissig Wiener in sich reinmümmeln, um damit zu demonstrieren, wie sicher das Fleisch doch schließlich sei.
Nebenbei werden „freiwillige Siegel, die internationale Sozial- und Nachhaltigkeitsstandards wiedergeben“ sowie die „Entwicklung glaubwürdiger Kennzeichnungen für umwelt- und klimafreundliche Produkte“ gefordert – alles in allem also das selbe Prozedere wie bei jedem Lebensmittelskandal: ein verklausuliertes Vorbeimogeln unserer Politiker an der eigentlichen Problemlösung. Und wenn als einzige Antwort am Ende der Debatte der Präsident des Deutschen Bauernverbandes Gerd Sonnleitner „keine Alternative zu Antibiotika“ in der Tierzucht sieht, dann herzlichen Glückwunsch!

Was bleibt? Richtig, alles beim Alten. Tatsache aber ist:
Der Konsument selbst ist die entscheidende Gewalt, er kann den Prozess der Nahrungsmittelherstellung massiv beeinflussen und damit auch die Qualität des Fleisches und – was viel wesentlicher ist – die Lebensqualität des Tieres, das mit seinem Kopf, Schenkel oder was auch immer dafür herhalten musste. Das ist aber vielen überhaupt nicht bewusst. Alle, die sich in dem Augenblick, in dem sie an der Kasse bei Lidl, Aldi und Co. stehen, für oder gegen das 1,99€ Gordon Bleu entscheiden, haben die Möglichkeit, etwas zu verändern.

Das Problem – und da herrscht mittlerweile einstimmiges Rudelnicken – ist das Fleisch aus der Massenzucht. Da muss nicht erst auf neue „Kontrollmechanismen“ seitens der Politik gewartet werden. Solange sich dieses Bewusstsein nicht ändert, wird der nächste Lebensmittelskandal mit Sicherheit kommen. „Meat on an mission“ hat scheinbar den Nerv einer Gesellschaft getroffen, die bereit ist, für nachhaltiges Konsumieren mehr Geld zu lassen, die jedoch verunsichert ist über den Wahrheitsgehalt der verfügbaren Bioprodukte, wie ständige Diskussionen um Gütesiegel und Bioangebote beim Discounter erkennen lassen.

Dabei darf der Mehrpreis für Bioprodukte kein moderner Ablasshandel sein: „Ich kaufe mich von meinem schlechten Gewissen, eine Banane – oder eben Schweinefleisch zu konsumieren – frei, indem ich in biologische Landwirtschaft investiere, welche mir dieses Siegel bestätigt.“ Es geht in meinen Augen eher darum, sich über den tatsächlichen Wert eines Lebensmittel bewusst zu werden, und nicht blind allem und jedem Geld hinterher zu werfen, der mit „Bio“ wirbt.

Aber Dennis denkt weiter. Wie wäre es, wenn sich mehrere Menschen zusammenschließen würden und ein Tier direkt nach der Geburt kauften, quasi eine kollektive Patenschaft übernähmen, „am eigenen Schwein erleben, was hinter dem Schnitzel steckt, das sie bekommen“, und nebenbei in Form eines „Schweine-Führerscheins“ mit Tests und Quizzes mehr über das Schweineleben lernten, alles vollkommen transparent und über das Internet verfolgbar? Dann könnte man sich letztenendes auch die Biosiegel sparen.

Meiner Meinung nach ist das ein richtiger Weg, nicht nur, um der Massenverkostung aus dem Discounter alternative Produktions- und Vermarktungswege gegenüber zu stellen, sondern um dem Tier das wieder zu geben, auf das es qua Geburt ein Anrecht hat:
ein ziemlich gutes Leben.

Weniger Fleisch, mehr Respekt. Was denkt ihr?

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