Gesellschaft, aber mit Maß

„Hunderte Freunde auf Facebook sind nicht mit echter Freundschaft zu vergleichen…“ – für diese Erkenntnis bedarf es keines Focus-Lamentos, um die Diskussion wieder in’s Rollen zu bringen. Facebook schadet der realen Freundschaft. Wir verklumpen also tatsächlich langsam zu sozialen Halbcrétins, wenn es um reale Beziehungen geht. Mit Smartphones wursteln wir uns durch diese Welt, maximalzerstreut und blind für unsere Nächsten; permanent der Angst ausgesetzt, irgendwann im Laufe einen dieser 2012er-Tage allein zu sein. Und damit klarkommen zu müssen.

So wie Facebook die Beziehung zu Menschen ändert, ändert die SMS die Beziehung zum geschriebenen Wort. Anatol Stefanowitschs Sprachlog, eine der ersten Adressen für alle sprachwissenschaftlich interessierten Wort- und Satzfrikler, widmet dazu einen ganzen Beitrag. Stille Post verschlechtert die Grammatik. Scheinbar, denn so richtig überzeugt sind die Autoren der Studie letztenendes dann doch nicht.

Facebook hin, Smartphones her – die Kulturwissenschaftlerin Sherry Turkle gab im letzten SZ-Magazin ein sehr interessantes Interview zur Frage, wie mit all diesen neuen Kommunikationsverstärkern anscheinend eine basale Eigenschaft menschlicher Unterhaltung langsam flöten geht: das Gespräch.
Wir sind zusammen allein. Unserer Gesellschaft der Dauerbespaßung fehlt es zunehmend an der Fähigkeit zum Alleinsein.

Erst das Alleinsein ermöglicht, sich selber zu finden und mit anderen eine Bindung einzugehen. Können wir das nicht, wenden wir uns den anderen zu, um uns nicht zu ängstigen, ja um uns überhaupt erst lebendig zu fühlen. Die anderen werden zu einer Art Ersatzteillager für das, was uns fehlt. Einer Generation, die Alleinsein als Vereinsamung erfährt, mangelt es an Autonomie. Diese zu entwickeln ist für Heranwachsende aber lebenswichtig.

Zeitgleich zu diesen drei Artikeln (und letztlich ausschlaggebend für diesen Blogeintrag) stieß ich auf eine Passage in Henry David Thoreaus Walden. 1854 schon brachte er es treffend auf den Punkt.

„Gesellschaft ist gewöhnlich billig zu haben. Wir treffen uns nach zu kurzen Zwischenräumen, als daß wir Zeit genug gehabt hätten, neuen Wert füreinander zu erlangen. Wir kommen dreimal täglich bei den Mahlzeiten zusammen und lassen den andern immer wieder von dem schimmligen alten Käse kosten, der wir sind. […] Gewiß würde weniger große Häufigkeit für jeden bedeutenden und herzlichen Verkehr genügen.“

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