Tag: irgendwo dazwischen (page 2 of 3)

Fremdeln

Der Geruch ist noch fremd, wenn ich die Türe aufschließe und nach Hause komme. Noch verbindet mich nicht viel mit diesem Ort, ausser der Gewissheit, dass hier ein Bett steht, eine Toilette und ein Kühlschrank ist und der Schlüssel ins Schloss passt. Die Verbundenheit zu einem Ort führt über Erinnerungen – Erlebtes, Ereignisse der inneren Passage, die ich noch nicht machen konnte, es verging einfach noch zu wenig Zeit, kein Zweifel.
An Orten hängt das Herz, doch weniger der Ort selbst, als das Dazwischene, das Erlebte, die Erinnerungen mit und an andere Menschen sind die Fugenelemente, die die Gefühle mit einem Ort verbinden.

Oder so etwas ähnliches.

Der Besen im System

Und der Tag beginnt, wie Tage eben so beginnen mit Kaffee und einem Besen im System.

Und der Tag beginnt, wie Tage eben so beginnen mit Kaffee und einem Besen im System.

Wartezimmersprech

“Der Herr Doktor kommt jeden Moment.”

Jeden Moment, das ist auch so eine Nullaussage. Das kann sofort, gleich, bald, aber auch “in zwanzig Minuten” bedeuten. Mit “jeden Moment” meint die Sprechstundenhilfe: “Ich weiß nicht wann der Arzt kommt aber das will ich so nicht sagen.” Eine Beschwichtigung, die darauf abzielt, dass ein Erscheinen des Arztes jederzeit möglich ist und somit auf die Spannung des Wartenden gesetzt wird.

Gut ist auch, “einen kleinen Moment bitte”, die Verniedlichungsform des “jeden Moment”. Hier wird die Erwartungsspannung des jederzeit Möglichen ersetzt durch das Ganzkleinmachen des Moments. Er wird zusammengestaucht auf, sagen wir, eine halbe Minute.

Zeit ist relativ.

Zuletzt hörte ich “der Arzt kommt jeden Moment” vor genau 74 Minuten.

Ein parabelartiger Ausdruck südkoreanischer Verwunderung

Es gab nicht vieles, aber die Vielsprachigkeit in meinem Studentenwohnheim liebte ich.

Meine koreanische Nachbarin zum Beispiel, die leider vor ein paar Wochen ausziehen musste. Ihre Wohnheimsfrist lief ab, wir sind in München, Wohnraum für Studenten ist hier wie in vielen anderen Universitätsstädten knapp, da gibt es kaum Ausnahmen und wenn, dann nur alle 11 Semester oder wenn man schwanger ist. Meine koreanische Nachbarin und ich, wir verstanden uns also blendend, obwohl wir uns eigentlich nicht verstanden. Ich erklärte ihr die Eigenheiten der Metropole am Weißwurstäquator, bayerische Kraftausdrücke und was es mit der besonderen Zuneigung der Münchner zum Augustiner Bier auf sich hatte. Sie nickte beständig.

Sie erklärte mir im Gegenzug etwas über das Geheimnis koreanischer Nudelsuppen, Tofu und Großraumtransportfahrzeuge. Bei letzterem war ich mir allerdings nicht ganz sicher aber auch ich nickte beständig.

Mit dieser koreanischen Nachbarin nun teilte ich mir manchmal nicht nur eine Wäschespinne sondern auch die Vorliebe für Gurken zum Frühstück. Ich beließ es bei ein paar Scheiben aufs Brot, mit etwas Salz darüber gestreut, Ende. Sie aß meistens ein drittel einer gesamten Salatgurke, geschält, dazu ein paar Apfelscheiben, ein Toastbroat, Spiegelei, Kaffee – ich weiß nicht, ob das typisch für ein koreanisches Frühstück war aber die souveräne Art, wie sie es jeden Morgen zubereitete, ließ es sehr koreanisch wirken.

Frühstück ist etwas, wofür ich mir gerne Zeit nehme. Jeden Morgen, wenn ich alleine in der Gemeinschaftsküche saß und meine koreanische Nachbarin hereinkam, um ihr Frühstück zuzubereiten, unterhielten wir uns ein paar Minuten. Sie ging dann in ihr Zimmer, ich blieb in der Küche. Wenn ich dann noch immer dort saß, als sie wiederkam, um ihre Sachen abzuspühlen, fragte sie mich jedesmal, ob ich mir immer so lange Zeit zum essen ließe und so langsam kaue. Und jedesmal antworte ich bloß mit einem trockenen “Ja”. Das war ein ganz eigenartiger Ritus, den sie ihrerseits mit einem langgezogenen, verwundert bewundernswerten “Oooh!” abschloß, kurz bevor sie die Reste ihres koreanischen Gurkenfrühstücks in den Müll beförderte. Das war so ein Berg und Tal “ooOOhh!”, das ich nie vergessen werde; langgezogen, wie in einer Achterbahn und wie es eben nur junge asiatische Frauen sagen können.

Am Schreiben gehen

Und dann trinkt er doch und stutzt nicht weiter, als ihm die Frau es schriftlich gibt.
Er trinkt und trinkt und wird fett und rund und blöd; und vergisst doch nicht sondern erinnert sich, immer und immer und immer wieder, solange, bis er sich ganz kaputterinnert hat, an jede Kleinigkeit dieser Nacht, dieses Lebens.
Als hätte es nur eine Nacht gedauert.

Ausgetrocknete, rostfarbene Blätter tänzeln über den Asphalt, ein Geräusch wie ein heranlaufender Hund, dem die Krallen lange nicht mehr geschnitten wurden.

Und Tintenflecken fließen in den Abfluss
und eigentlich weiß keiner so schön bescheid über mich wie Du.

Starre, schwere Gestalten, Winterzähigkeit,
vor einem Jahr um diese Zeit ebenso.
War ich da glücklich?
Es hat mir die Sprache verschlagen.
Aber was? Und wohin?
Aus meinem Rucksack duftet es nach Bananen.

Die Farbe meiner Kleider ist Tarnkappengrau, ich schleiche durch die Stadt, unterhalb des Radars und taste mich von hinten lautlos an die Dinge heran, an die Menschen, die nicht mit mir rechneten und jetzt zerspringen oder bestenfalls doch bloß zurückschrecken.

Mich beschleicht das beissende Gefühl, jederzeit bewusstlos zu werden und in das Leben hinein zu erwachen, wie in einen Traum hinein zu erwachen.

Ich esse nichts und trinke nichts und lachen ist auch nur ein Serum, das ich mir nicht gönne.
(Seins-Beschreibung in 18 Wörtern aus der Kategorie: “Dinge, die ich schrieb, damit mir abgekauft wurde ich sei ein alter, grauer Zausel.”)

Es gibt solche Tage, da beunruhigen mich die Menschen und ich suche mit schleichenden Blicken in ihren fremden Gesichtern Besänftigung, kann sie aber nicht finden.

Rolltreppe aufwärts, Rolltreppe abwärts; up and down and to the left.
Irgendwo dort liegt mein Sinn begraben.

Er sitzt auf U-Bahn Sitzen, wie auf den Stühlen an einem Esstisch nur mit dem halben Gesäß auf der Sitzfläche. Er macht ständig den Eindruck, als sei er auf dem Sprung.

Kugelschreiber, so sagt man, sind etwas für Praktikanten.
Aber das stimmt nicht.

No man, so sagt man, is an island.
Aber das stimmt nicht.

Gefühl der letzten Wochen: Immer ein wenig aus der Zeit gefallen; immer nur ein kleines bißchen, jeden Tag. Und jeden Tag ein kleines bißchen mehr, bis ich ganz verschwand aus dieser Zeit. Und auch in der nächsten und übernächsten Zeit nicht mehr auftauchte.

I know not what tomorrow will bring…

Kommt, reden wir zu Ende

Sometimes love is hiding between the seconds of your life. Tja, und sometimes ist da nicht mehr als das unpersönliche Sekundenzeigerticken der Küchenuhr, das dir mit jedem “Tick!” links, und mit jedem “Tock!” rechts ein’s auf die Fresse gibt.
- Lovable Doc Stanley

Im Tagebuch steht: “Ein Vorsatz, eine Abmachung: Wieder jeden Tag schreiben. Regelmäßig, dranbleiben, weil sich das gehört.” Das war am 21. November letzten Jahres und heute ist heute, ein Tag irgendwann Mitte April und bis hierhin ist nicht viel passiert.
Zumindest nicht in dieser Angelegenheit.

Destiny is a fickle bitch, dass das Schicksal eine launische Hündin sei, hat mal jemand behauptet. Das stimmt. Und es lässt sich eins zu eins auf das Schreiben übertragen.
Schreiben, das kann auch eine launische Hündin sein.

Was meine “persönlichen Entwicklungspläne” betrifft, sind meine Fortschritte glazial. Da muss man doch unweigerlich in Äonen denken.
Seit vier Jahren ein Skript für ein Kinderbuch in der Schublade (wie überhaupt eine Menge anderer Bücher, jaja); Pläne für Barfusslaufseminare, Baumhauspläne für ein eremitisches Leben in den Wäldern British Columbia, wie auch allgemeine Weltzustandsverbesserungspläne. Und jetzt bin ich dreissig Jahre und das Leben geht so dahin, mit jedem Tag, und ich frage mich langsam, wie ich das alles eigentlich noch schaffen will und ob ein Leben dafür überhaupt ausreicht.

Beim Schreiben arbeite ich mit einer Struktur, die ich als hochgradig verfranzt erachte. Ich glaube, das ist eine Beeinträchtigung, aber wahrscheinlich arbeiten die meisten Schriftsteller so: hochgradig verfranzt.1234

Die Augenblicke, in denen ich meine Gedanken wie einen Laser auf eine Sache fokussieren kann, sind rar. Ich fühle mich verstellt, manchmal gedanklich verkrüppelt, wenn ich nicht länger als 140 Zeichen denken kann. Und immer diese permanente Maximalzerstreuung, die potentiell überall lauern kann, Ubiquitous Computing5 sei Dank.

Jeden Morgen also ein ähnliches Bild: Schreibunterlagen raus6, alle Ablenkungsmaschinen auf taubstumm stellen, Tasse Kaffee, blinkender Cursor, Erwartungshaltung, Geduld.
Nichts.

Noch mehr Kaffee, noch mehr Geduld, dann ein erstes Tippen, ein vorsichtiger Ansatz, ein erster Satz gar? Nein halt, Fehlalarm. Probier’s mit runterzählen, 4 und 3 und 2 und 1, Sprung in’s kalte Wasser.
Nichts.
Geduld haben ist das eine, Ausharren können eine ganz andere Sache.

Und irgendwann kommen doch ein paar Gedanken gekrochen, ich schreib sie auf und knete anschließend die Sätze7; eigentlich gute Gedanken, doch rücke ich sie so lange umher, bis sie so verrückt sind, dass sie niemand mehr versteht, nichtmal ich.
Und wer würde so etwas schon lesen wollen?

Etwas literarisches zu produzieren ist eine Form künstlerischen Handelns. Kunst entsteht, wenn einer innere Notwendigkeit Ausdruck verliehen wird. Das behaupte ich jetzt einfach mal so. Und am Produktivsten war ich bis jetzt immer, wenn ich dieser inneren Notwendigkeit, mich ausdrücken zu müssen einfach freien Lauf ließ.

Aber seit vielen Monaten lähmt mich ein seltsam träges Gefühl: das Gefühl, nichts mehr zu erzählen zu haben. Kennt ihr das? Ich gehe schon noch staunend und schauend durch die Welt, denke dies uns das und vor allem jenes, aber es kommt nichts dabei rum.
Vielleicht ist auch mein Anspruch zu hoch, es müsse hinter jedem nächsten Gedanken ein Zauberberg liegen.

Was ich benötige, sind nicht noch weitere Tipps; ist nicht eine neue Grammatik, nicht eine neue Farbenlehre. Was ich benötige ist ein neues Denken.
Eine böse Vorahnung habe ich jedoch:
Dass nicht bloß das Leben mit Geistern, sondern auch das Schreiben Abgeschiedenheit voraussetzt.

Wo ist das Ding hier mit Literatur? Verbockte, verblockte Literatur? Alles eitel und Gedankenschwafelei. Aber: Es rührt sich, wie rührend.
Kommen ‘se! Kommense rein, könn ‘se rauskucken!
Aber stolz brauchen ‘se auf das noch lang nich sein.

  1. Das läuft bei mir im Alltag ähnlich. Das Prinzip Schublade z.B. habe ich nie vollständig begriffen. In meinen Schubladen herrscht die ersten Wochen eine ausnahmslos pedantische Ordnung, quasi ein totalitäres Regime auf Schubladenebene, bloß, um dann mit der Zeit nach und nach von einem System maximaler Unordnung abgelöst zu werden. Sagen wir, aus einem strikt assadesken Schubladenordnungssystem entsteht binnen kürzester Zeit etwas, das sich in Summa eher dem entropischen Zustand der Brownschen Molekularbewegung annähert. []
  2. Schreibtischoberflächen sehen bei mir im Übrigen nach einiger Zeit ähnlich aus. []
  3. Kleiderschränke, Werkzeugkisten und Ordnerstrukturen auf der Festplatte auch. []
  4. Ich behaupte ja, Chaos ist das Einzige im Universum, dass ohne zutun entsteht. []
  5. Rechnerallgegenwart” ist dafür eine herrlich sperrige Übersetzung []
  6. Ideenquell ist immer noch ein altes Moleskine-Notizbuch, da bin ich noch sehr anachronistisch []
  7. sie haben seit Monaten eher etwas anamorphotisches, etwas eigenwillig unförmiges, um nicht zu sagen widerspenstiges []

Schreibend den Ereignissen hinterherlaufen

Es ist tatsächlich so: Einem wichtige Ereignisse sollte man möglichst bald1 aufschreiben, schnell aufschreiben: Noch laufen sie mit einem mit, bald laufen sie vor einem her, gerade so weit, dass man ihre Fährte nicht verliert; bis sie einem davonlaufen, sich nicht mehr einfangen lassen, man bloß noch schreibend hinter etwas herläuft, dessen Bedeutung und Dringlichkeit längst verblasst ist.

  1. “Zeitnah” ist eines dieser modern gewordenen Nullwörter, die nichts beitragen, ausser künstlicher Verdunkelung; ich benutze sie nicht gerne []

Dark was the night, cold was the ground

Diese Zugfahrten, raus ins Niemandsland, ins Hinterland, Abends, Dunkelheit. Wenn man nach draussen blicken möchte und nur sich selbst sieht; wenn der Blick anstatt auf Wiesen und Felder, Äcker und kleine Dörfer auf einen selbst zurück geworfen wird. Und alles – das doppelwandige Glas der Zugfenster reflektiert das Bild zweimal – unscharf und verschwommen ist.
“Nur der Spiegel schaut träumend den Spiegel und Stille hat Stille bewacht…”

Diese aus dem Inneren leuchtende Stahlröhre schraubt sich durch die Nacht.
“Anna!”, ruft eine Frau.
“Anna! Wenn du ihr schon nicht helfen kannst, dann lass sie doch wenigstens in Ruhe!”

einfach runterschreiben, was geht. einfach runterschreiben, was man denkt. Was denkt eigentlich? Fluten, hätte Nizon gesagt.
Sagt er bestimmt immer noch.
Nichts komponieren, nichts konstruieren. Steam of consciousness, doch allein dieser Bezeichnung liegt eine fundamentale Fehlannahme zugrunde. Als ob unser Bewusstsein in einem Strom dahinflöße; als ob es nicht fragmentarischer Art sei, gestückelt, zerstückelt, vorwärts, rückwärts, hin und her. Diese Vorstellung ist mir zu eindimensional, als ob sich da irgendwas arrangieren ließe oder mit ein paar schnellen Handgriffen in ein anderes Bett umleiten ließe.

Ich bin da.
Ich muss aussteigen.

So sitze ich also unter der Sonne der ersten Welt mit meinen Eindrittelproblemen und lasse mir zähschwarzige Gedanken aus dem Herz tröpfeln.

Older posts Newer posts

© 2014 HIMMELENDE

Enjoy your Saturday | Theme by Anders NorenUp ↑