Das Alphabet der Krise

Die Wirtschaft bringt ihren eigenen Wortschatz hervor, der mit einer brutalen Deutlichkeit aufwartet, wie sie in der Finanzbranche bisher nicht üblich war. Ein kleiner Auszug aus ihrem Vokabular:

Abwrackprämie, die; Belohnung für die Vernichtung von Gebrauchsgegenständen; ihr Besitzer empfängt die Prämie, die er als Steuerzahler entrichtet. Abgewrackt werden auch insolvente Banken; in diesem Fall kommt die Prämie als Bonus den Managern zugute, die für die Pleite gesorgt haben.
Bad Bank, die; ein Neologismus, der an die Rede von den schwarzen Schafen erinnert und offenläßt, ob es auch Banken gibt, in denen das Gute gedeiht.
Berater, der; Bankangestellter, der ebenso im Nebel stochert wie seine Kunden, aber wenigstens, solange der Umsatz stimmt, Geld damit verdient, statt es einzubüßen.
Casino, das; eine legale Veranstaltung, bei der stets die Bank gewinnt. Die Teilnahme ist auch im Internet möglich und heißt dort „online banking“.
Paket, das; Sperrgut, das, als stünde Weihnachten vor der Tür, überall geschürt und auf den Weg gebracht wird. Der Versand erfolgt nicht per Nachnahme. Die Rechnung übernimmt auf keinen Fall der Empfänger. Der Inhalt ist mindestens neunstellig und erinnert an ein beliebtes Geschenk zum Kindergeburtstag: an die Wundertüte.
Realwirtschaft, die; zur Unterscheidung von ihrem Gegensatz, einer Ökonomie, die vor allem mit Fiktion beschäftigt ist.
Spritze, die; aus der Drogenszene bekanntes Instrument zur Verabfolgung hoher Dosen, um den Kreislauf der Abhängigen zu stabilisieren und sie vor Entzugserscheinungen zu bewahren.
Zertifikat, das; ein Papier, das dem Anleger ein Maximum an Unsicherheit garantiert.

(Auszug eines Textes von Hans Magnus Enzensberger, ZEIT Nr. 12 – März 2009)

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