Turnbeutelvergesser

Bundesjugendspiele – das waren damals keine Spiele für mich, das war eine einzige Qual. Bundesjugendqualen.
Damals war ich klein und fett und ungelenkig. Natürlich auch ziemlich unbeholfen. Es sei denn man half mir, indem man mich trat. So rollte ich wenigstens das letzte Stück durchs Ziel.
Natürlich übertreibe ich.

„Herold, der immer her-rollt“! Kinder sind fies. Aber das kam nicht von den Kindern, sondern von einem Lehrer. Manche Lehrer sind degenerierte Flachwixer. Das ist derbe Umgangssprache, nicht besonders nett und intellektuell. Ich könnte diese Menschen anders beschreiben, aber ich habe keine Lust und ausserdem empfinde ich so: Degenerierte Flachwixer, die alles tun, um bei der Klasse beliebt zu sein. Sie suchen sich das schwächste Glied, das von der Gemeinschaft gehänselt wird und knüppeln schön mit drauf ein. Ein gemeinsames Feindbild verbindet eben, das Patentrezept gegen Unbeliebtheit in einer Klasse. Mein Handwerkslehrer, Herr H. war so einer, der mich als Klassenspacko zum Abschuss freigegeben hatte. Und in all meiner jugendlichen Unbefangenheit hatte ich da nichts entgegen zu setzen.

Für ein Kind ist das extrem verstörend: Die einzige Bezugsperson im Unterricht, die Autorität vermitteln und einem Halt und Orientierung geben sollte, weist einen ab und es gibt in seinem kleinen Kinderkosmos absolut nichts, was es dagegen unternehmen kann. Das ist kafkaesk (hätte ich von Kafka damals schon etwas gelesen, ich hätte die Situation als kafkaesk bezeichnet); eine diffuse Macht, die im Hintergrund wirkt und die einem unbegreiflich ist.
Kinder untereinander können grausam sein. Lehrer können auf eine subtile Art töten.

Mit Schulsport (wir hatten dort einen ähnlich „einfühlsamen“ Lehrer wie Herrn H.) verbinde ich ausserdem die spezielle Erfahrung von einer Gruppe abgelehnt zu werden. So etwas merkt man sich. Ich erinnere mich noch gut an den Gesichtsausdruck meiner Mitschüler zu einem ganz bestimmten Ereignis: Teambildung.

Sollten Teams gebildet werden, sagen wir, zwei Gruppen zum Fußballspielen, dann gab es zwei Entscheider, die aus der Gruppe ihre Leute aussuchten. Als erstes waren natürlich immer die Sportskanonen gefragt; die Enormen, die körperlich durch Mutter Natur mit überdurchschnittlicher Frühreife gesegnet und meist auch geistig von ebendieser lediglich nur halbwach geküsst waren. Heiß begehrt also diese rabiaten Jungs, die Pausenhofprügler, Nippelzwicker, Sunkisttütenquetscher (während man trank, ich hab tausend Namen für sie) und Salamibrotzocker; sie waren die Ersten, die für die Teams gewählt wurden, die Alpha-Kinder, die den höchsten Status in der Gruppe hatten. Die zuletzt Gewählten, die Übriggebliebenen, X-Beinigen Übergewichtigen, Panini’s Masters-of-the-Universe Klebebilder Sammelnden und nicht mit 500-PS Boliden Spielkarten Spielenden, die „Huch, mein Schnürsenkel ist auf, ich kann grad nicht ans Reck“ Turnbeutelvergesser (und ihr ahnt schon: Ich war einer davon): Das waren die Loser.

Gehörte man zu den letzten drei Übriggebliebenen der Auswahlgruppe, war man fortan stigmatisiert. Je kleiner die Gruppe wurde, desto nervöser war ich. „Bitte bitte nicht der Letzte oder Vorletzte oder Vorvorletzte sein“, und dann war man doch wieder der Letzte und wurde einem Team zwangszugeordnet. Und genau in diesem Moment erntete man diesen besonderen Gesichtsausdruck der Kameraden, irgendwas zwischen Skepsis und Ignoranz, und man war gut beraten, den Rest der Spielzeit auf der Ersatzbank zu bleiben. Damals war ich sehr traurig, beschäftigte mich während des Spiels dann manchmal mit den fraktalen Mustern der Holzmaserung der Bänke oder ging oft aufs Klo.

Heute habe ich die Erfahrung von damals überwunden und ich stehe dazu: Ja, ich war einer dieser Turnbeutelvergesser, über die sich die Mittermeiers dieser Nation lustig machen und ich stehe dazu, weil für mich als Kind der Sportunterricht eine verdammte Scheißzeit war und hätte ich damals Krallen gehabt, hätte ich sie in die Wand geschlagen, bloß um nicht in die Turnhalle gezerrt werden zu können. Das Kuriose daran ist, dass diese gegängelten Turnbeutelvergesser von damals vielleicht die Anwälte von morgen sind, die die Pausenhofprügler, die sie damals drangsaliert haben und heute als Delinquenten auf der Anklagebank sitzen, vertreten. Oder eben verdonnern.

7 Kommentar

  1. Meine Erfahren sind ähnlich, obwohl ich nicht fett war (aber klein und ungelenk). Beim Auswählen durch die Sportskanonen blieben meist nur zwei übrig. Ein dicker und ich. Wenn ein anderer krank war, wurde immer der Dicke genommen; ich durfte dann die Matten zusammenlegen, dem Schiedsrichter (Lehrer) assistieren oder einfach nur die Bälle zurückholen.

    Erwachsensein bedeute für mich damals die Aussicht, irgendwann keinen Turnbeutel mehr zu benötigen.

  2. „Erwachsensein bedeute für mich damals die Aussicht, irgendwann keinen Turnbeutel mehr zu benötigen.“
    So habe ich das noch nie gesehen, aber du hast recht. Sehr schön gesagt.

  3. Es gibt noch eine „Sorte Schüler“, die gerne bis zu letzt auf der Bank saßen: die Unsichtbaren!
    Ich finde, es beruhigend, dass es scheinbar überall gleich zugeht. Rein rational betrachtet, muss ja jemand zuletzt in eine Gruppe gewählt werden. Aber die Realität fühlt sich irgendwie anders an. … schon seltsam.

  4. Die Unsichtbaren hab ich ganz vergessen. Oder übersehen, was aber eigentlich logisch ist.
    Stimmt, als Kind versteht man das Rationale nicht, es kommt ihm nur darauf an, wie es sich anfühlt. Ich hab auch immer diese Motivationssprüche gehasst: „Die Letzten werden die Ersten sein.“ Die Ersten von was? Die verprügelt werden? Die aus dem Team wieder rausfliegen?

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