Anstehen

Manchmal verlaufen die Ereignisse dieser Welt in einer seltsamen Gleichzeitigkeit. In Ägypten stehen Menschen in Schlangen vor den Wahllokalen. Hunderte, Tausende, warten stundenlang; stehen dort, um ihrer Stimme Gehör zu verschaffen. Es ist das Volk, das etwas bewegen will, die erste wirklich demokratische Entscheidung dieser Menschen. Sie alle stehen dort, weil sie etwas ändern wollen, das ist ihre Motivation, am System, am Fundament, an ihren Lebensumständen.

In vielen anderen Ländern dieser Welt stehen Menschen in Schlangen vor den Apple Stores. Hunderte, Tausende, warten stundenlang vor den Glaspalästen; stehen dort, weil sie zu einem exklusiven Kreis Erstbesitzer gehören möchten. Sie wollen das neue iPad 2 in Händen halten, Begehrlichkeit ist ihre Motivation, sie wollen konsumieren und zelebrieren, denn sie haben ein Recht auf Spaß. Es geht ihnen nicht um eine basale Veränderung am System; sie sind damit soweit zufrieden und wollen lediglich seliger Teilhaber sein. Hier wie dort stehen also Menschen in Schlangen und warten auf etwas. Das ist soweit nichts aussergewöhnliches, jeder steht mal irgendwo aus irgendwelchen Gründen in einer Schlange: am Schalter für die Bahntickets, an der Wasserpumpe für den Brunnen, an der Kasse bei Tengelmann, an der Essensausgabe in der Mensa oder für die Tagesportion Reis.

Mir gefiel die Gegenüberstellung dieser zwei Bilder, die sich oberflächlich sehr ähneln und ein sehr gutes Beispiel für die Gegensätzlichkeiten unserer Welt sind. Als ich den Wahlvorgang in Ägypten und den Erstverkaufstag des neuen iPad 2 verfolgte, stolperte ich über folgende Meldung, die mit den Ereignissen am Nil jedoch nichts mehr zu tun hat:

Die wundersame iPad Wanderung
Seit zwei Wochen wird in den USA die neue Version von Apples Tablet-Computer iPad verkauft. Die Warteschlangen vor den Läden sind lang, weil das Unternehmen offenbar die Nachfrage nicht bedienen kann. In New York steht eine Gruppe Asiaten unter Verdacht, große Menge des iPad 2 zu kaufen, um sie nach China zu schicken und dort zu horrenden Preisen zu verkaufen.
(Quelle: Tagesschau.de)

So schließt sich ein Kreis, der im Grunde genommen ziemlich schizophren ist:
Da wird in China ein Produkt von Arbeitern gefertigt, die wahrscheinlich froh sind, sich von ihrem Monatsgehalt ein paar Schuhe kaufen zu können; dann wird das Produkt ins Ausland geliefert, erfährt dort durch Exklusivität und Rarität zunächst eine ideelle, dann eine extreme preisliche Aufwertung. Dann wird das Produkt in das Herstellungsland reimportiert, um dort von einer wohlhabenden Käuferschicht an der Spitze der Gesellschaft, die natürlich mächtig Kohle dafür lockermachte mit glänzenden Augen im Empfang genommen zu werden. Für das Geld, das die Wohlhabenden dort für ein im eigenen Land produziertes, reimportiertes Gerät ausgeben, könnte der chinesische Fabrikarbeiter, der dieses Gerät herstellte monatelang ein wunderbares Leben führen. Und ein Paar neue Schuhe wären bestimmt auch noch drin. Man kann natürlich jetzt mit unmoralischen Absichten dieser vor den Apple Stores wartenden Chinesen argumentieren. Aber wenn es um die eigene Haut geht, ist sich jeder selbst am nächsten und tatsächlich sind es einfache globale marktkapitalistische Prozesse, ganz ohne Voodoo. Gibt es einen vergleichbaren Güterstrom bei uns in Deutschland oder Europa, der dieser Situation ähnelt? Mir fällt keiner ein.

Schreibe einen Kommentar