Die andere Saite eines Riesen

Er brummt mit tiefer Stimme sein Unglück. Dass er sich den Knöchel gleich zweimal verstaucht hat und er jetzt deswegen vorsichtig sei, sagt er, während ich seine Laufschuhe, die er gleich kaufen wird in die Schachtel zurück packe und an die Kasse stelle. Größe 49, das ist ein Kindersarg, andere Leute leben in solchen Kartonagen; aber ich sage es nicht, es wäre unhöflich und für ihn sicher nicht das erste mal, dass er das hört. Grobschlächtig und kastenförmig ist die Gestalt des Mannes, ein Riese, der selbst im Sitzen noch einen Kopf größer ist als ich im Stehen. Langsam und träge sucht er seine Sachen zusammen: Jacke, Einkaufstaschen, Plastiktrinkflasche, und allein der glaziale Fortschritt seiner Bewegungen lässt jede seiner Handlung wohlüberlegt und wahnsinnig bedächtig aussehen.

Hohe kantige Wangenknochen, wie mit der Axt bearbeitet verstärken die atavistischen Gesichtszüge des Mannes. Es sind genetische Expressionen eines Menschentypus, dessen Wurzeln irgendwo im Dunst der dunkelgrauesten Vorzeit liegen. Der Riese ist Conan, ein Neandertaler. Seine Hände sind so groß, dass er damit ohne Mühe meinen Kopf umklammern und mich vom Boden heben könnte; oder um damit Betonbrocken aus einem Grund zu zerbrechen, der absolut keinen Sinn ergibt. Oder um damit Schweine in zwei Hälften zu teilen. Ich denke für einen Moment an Höhlen und große Feuer, an abgeschabte Tierfelle und Knochenwerkzeuge aber das ist alles Blödsinn und gehe mit ihm an die Kasse, während seine braune Augen blitzgescheit unter den wulstigen Brauen hervorlugen und mich skeptisch mustern, als hätte er gerade erraten, was ich dachte.

Während er sein Portemonnaie öffnet macht er mit der anderen Hand eine rotierende Geste, die irgendwie zeigen soll, dass er in Eile ist, die ich jedoch aufgrund der zweieinhalbfachen Verlangsamung sämtlicher Bewegungen des Riesen für die Lockerungsübung eines verknacksten Handgelenks halte. Er nickt mir freundlich zu, steckt das Wechselgeld ein und nimmt die Tüte mit den neuen Schuhen an zwei Fingern. Dann sagt er bloß noch, dass das Gespräch sehr interessant war, vielen Dank für die Beratung, er sei jetzt allerdings etwas in Eile, denn er müsse zur Cello-Stunde. Und in mir geht ein Licht auf, so wie meine Gesichtsmuskulatur vollkommen erschlafft: Ich sehe den Riesen vor mir, wie er dieses Cello hält, das allein durch seine überwältigende körperliche Präsenz wie die miniaturisierte Form einer aufgestellten Geige wirkt und denke an die Finger seiner Hand – in meinen Gedanken eben noch Dächerabdeckend – wie er sie auf die Seiten des Instruments presst, das leidvoll knarzt.

Daher sollte man, wenn man von der Gestalt, die man sieht, auf die Seele, die spricht, schließt, nicht etwa Geist und Lebendigkeit erwarten, wohl aber mit Intelligenz rechnen dürfen und einem Hauch von Erhabenheit.

– Fernando Pessoa

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