Notwehr

Als Lyrikpirat wieder unterwegs, Neuzeitnomade, Unterwegs-sein als Lebensprinzip, more goodbye’s then hello’s, das schafft Freiluftbedingungen im Oberstübchen. Gehirnfurchenlüften.
Also Sachen gepackt, Kerouac eingesteckt, Rucksack geschultert, die Segel gesetzt, die Nase in den Wind gereckt und los. Momentaufnahmen eines Streifzugs durch die Stadt, Zwischenbericht eines Vorübergehenden. Heute ein Novum: Bloggen aus der Welt dazwischen, bloggen von der Straße, live und in Farbe, ziemlich genau von hier, ein Ding der Unmöglichkeit, ein Unding, Gedankenunkraut. Aufmerksamkeitsspanne plusminus ein hundertstel Augenblick, Synapsenknacken in der Höhle des Löwen, in der überfüllten Filiale eines Kaffeerösters, gleich links ab der Flaniermeile. Einzige Bedingung des Spiels: Das Teil muss online stehen, solange ich noch unterwegs bin.
Draussen warme einschläfernde Luft, ein Fakefrühling, fühlt sich bloß so an als ob, es liegt in der Luft und jeder weiß, dass es noch mal knüppeldick mit der Kälte kommen wird. Der Rest eine krakeelende Lärmwelt, Ohrlosigkeit eine Grundvoraussetzung, um nicht wahnsinnig zu werden. Verloren ist, wer den Aufmerksamkeithaschern ins Netz geht. Kinder betrachten mich mit großen Augen, als sei ich eine Vogelscheuche mit einem Neonbuch auf den Schenkeln, grotesk und mit fransigen Haaren und genau deshalb so faszinierend. Irgendwie haben sie recht, wie eben nur Kinder recht haben können. Ich lache, sie lachen und laufen davon. Es dämmert und Lichter gehen an und die Hausfassaden sind Betonmonster mit tausend glühenden Augen und dennoch liegt alles friedlich. Billige Bilder, mehr bekomme ich hier nicht hin.
Flucht aus der Straßenschlucht. Mein Zug geht in zehn Minuten, raus aus der Stadt, raus aufs Land, in die Abgeschiedenheit, bis dahin maximale Zerstreuung voraus. Wenn ich euch damit langweile, brecht mir in den Kommentaren die Beine.

„Das glaubt man nicht, wenn man jung ist: Dass Dichtung einfach nur Notwehr sein kann. Eine Weise, sich selbst und das Leben zu überstehen.“

Eva Strittmatter

Wasserskulpturen

Ultra slowmotion Aufnahmen gibt es mittlerweile wie Sand am Meer und so schön langsam hat man sich auch sattgesehen. Dieser Dreissigsekünder ist trotzdem ganz toll.

Art work by Shinichi Maruyama
Composited by Tetsushi Wakasugi

Die Absurdität der Bewegung

Manchmal komme ich während des Laufens auf Ideen, die ich mir unbedingt merken und notieren will, die ich aber später dann, nachdem ich wieder zuhause bin, verlege. Ich sage bewusst nicht „vergesse“, denn diese Ideen zirkeln weiter in meinem Kopf herum, kommen bloß dummerweise erst dann wieder zum Vorschein, wenn ich Laufen gehe. Also nehme ich mir wieder vor, sie zu merken und zu notieren und erreiche ich dann die Haustüre – puff! – sind sie weg. Das ist ein irrer Teufelskreis von guten Ideen und deren temporären Verlusten, bzw. Verlegungen; vergleichbar mit einer Art Erinnerungsinkontinenz: Ich kann den Scheiß einfach nicht halten. Aber ich schweife ab.

Folgend also eine Feststellung, die mindestens drei Läufe lang gereift ist und nun – endlich! (Sie merken den feierlichen Unterton) – festgehalten wurde.
Wenn ich länger unterwegs bin, dann passiert es manchmal, dass ich einen tranceähnlichen Zustand erreiche. Ich weiß zwar nicht, wie sich so ein Zustand in Wirklichkeit anfühlt, ich war noch nie in Trance, stelle ihn mir aber ziemlich bedeutend und ungefähr so vor, wie ich ihn beim Laufen manchmal erlebe.

Die Umgebung verblasst, tunnelt und krümmt sich zu einem Punkt; die Gedanken sind ganz klar und gebündelt wie ein Laserstrahl und ich denke an nichts spezielles, alles fließt so dahin. Der Atem, der Rhythmus, der Sog der Bewegung, die Mechanik des Körpers, der arbeitet, schwitzt, stinkt. Das ist sehr meditativ und beruhigend. Besonders in dieser Jahreszeit erreiche ich den Zustand leicht, wenn die Haut vor Kälte sticht und die Landschaft in einem kontrastlosen augenbetäubenden Weiß vor einem verwischt.

Soweit nichts besonderes, das Kuriose kommt erst, passen Sie auf. Manchmal, ganz selten, bevor ich diesen Zustand erreiche passiert es, dass sich das Laufen, die Bewegung selbst unnatürlich, ja richtig absurd anfühlt. Damit meine ich nicht, dass der Grund, weswegen ich jetzt Laufe sich unsinnig anfühlt, sondern das Laufen selbst absolut keinen Sinn mehr ergibt. Ich weiß nicht wie ich es anders versuchen soll zu erklären, als mit folgendem Bild: Man nimmt ein ganz gewöhnliches Wort und wiederholt es lange Zeit laut. Sagt man zum Beispiel zwanzig mal hintereinander das Wort “Gurke”, so klingt dieses Wort mit der Zeit schrecklich absurd.

Und so ist es auch mit der Bewegung des Laufens. Ich erlebe, wenn ich lange unterwegs bin manchmal eine kurze Phase, in der diese Bewegung des Laufens total absurd, fast lächerlich ist. Ich muss dann kurze Zeit ernsthaft damit kämpfen, richtig zu laufen, die Füße gerade nacheinander aufzusetzen. Das passiert zum Glück nicht oft und wenn, dann dauert es auch nicht lange. Doch wenn es passiert, geniere ich mich und habe Angst, jemand könnte mir in diesem Augenblick zusehen und mich für komplett bescheuert halten, wie ich so eigenartig dahinstakse.

Ich denke an buddhistische Mantras, das Beten des Rosenkranzes, japanische Teezeremonien und frage mich, wie das kommt, das manche Sachen durch ständige Wiederholung, wenn nicht absurd, so zumindest eine eigenartige Transzendentalität erreichen? Warum erscheint in der permanenten Repetition der spirituelle Charakter einer Tätigkeit?

Ernsthaft, fragen Sie sich das jetzt ruhig. Und dann stellen Sie sich bitte vor, dass Sie mit dieser Idee und millionen zugehöriger Überlegungen, die alle mindestens genau so gut, wenn nicht sogar besser sind, noch sechs Kilometer zurück nach Hause laufen müssen.

Keine Auskunft von der Staatsgewalt

Nun ging ich also vor ein paar Tagen tatsächlich zu dem Unsicherheitspersonal am Hauptbahnhof, das dort seit ein paar Wochen an den Eingängen mit vollautomatischen Argumentationsverstärkern und sehr ernsten Mienen gegen eine sehr ernste Zeit anfriert; sie stehen dort in der Kälte und ich wollte mich mit ihnen unterhalten. Kein Spott, kein Streitgespräch, keine Zanksucht, sondern eine ehrliche ernsthafte Frage von einem ehrlichen ernsthaften jungen Mann. Ich fragte sie, ob sie für den Fall der Fälle einen Schießbefehl hätten. Wenn also Big Buddy Mudschaheddin gotteszornig und lautschreiend auf sie zustürmte, ob sie ihn dann abknallen würden, einfach so. Ihre Antwort: kein Kommentar. Es gäbe aber höhere Stellen, die Auskunft erteilten. Ebenfalls kein Kommentar darüber, welche Stellen das seien. Die Beamten versuchten so wenig Anteilnahme wie möglich zu zeigen, das Gespräch lief nur in eine Richtung, Einbahnstraße, nach ziemlich genau 37 Sekunden waren wir durch und meine Absicht, eine ernsthafte Antwort auf eine ernsthafte Frage zu bekommen damit beendet. Natürlich naiv, aber warum nicht einfach versuchen, mit 100% ungeheuchelter Neugierde sich direkt an die Staatsgewalt zu wenden?

“Würde ja keinen Sinn machen, mit einer Maschinenpistole hier zu stehen ohne dass wir sie benutzen dürften.”, durch die Blume ein zarter Erklärungsversuch eines Beamten, der letzte Satz am Ende des zwei Wege Monologs. Ich dachte an UNO Einsätze in Afrika, ohne ein Mandat, dort eingreifen zu dürfen, hatte aber weder Luft noch Lust, mich auf Windmühlendebatten einzulassen.

The Road

Film: The Road

Erster Eindruck: Die Zukunft wird grau.

Darum gehts: Vater und Sohn reisen durch eine postapokalyptische Welt, die im Sterben liegt. Flora und Fauna sind weitestgehend zerstört, die übrig gebliebenen Menschen marodieren kannibalisierend durch das Land. Die letzte Hoffnung ist die Straße, ist der Weg zur Küste und weiter in den Süden.

Kurz gesagt: Endzeit

Das kam vor: Dosenpfirsich, Baumentwurzerlung, Menschenkühlschrank

Das kam nicht vor: die Army, der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Sonne

Was wir uns fragten: Was für einen Nährwertgehalt haben getrocknete Heuschrecken?

Was wir daraus lernen: Ende schlecht, alles schlecht. (Und nächstes Jahr zu Weihnachten dann den versprochenen Atombunker mit Lebensmittelvorräten.)

Letzter Eindruck: Akopalüze nau!

Kein Zweifel, dieser Film ruiniert selbst den fröhlichsten Filmabend und jetzt eine Zusammenfassung “mit einem Augenzwinkern” zu verfassen – den Bogen bekomme ich mit diesen Eindrücken einfach nicht hin.
“The Road” – nach dem gleichnamigen Roman des amerikanischen Autors Cormac McCarthy, ist ein sehr dichter und bedrückender Film, der einen mitnimmt, denn so grau und bedrohlich sah man selten ein Zukunftsszenario. Dumpfes Grollen und Explosionen ohne ersichtlichen Grund in der Ferne; die beklemmende Stille einer toten Natur; eine außerweltlich anmutenden Mondlandschaft, der die Filmemacher sämtliche Farben rausgedreht haben, unterlegt mit einem Soundtrack von Nick Cave & Warren Ellis. Und selten sah man Viggo Mortensen für eine Rolle so abgemagert.

Die Frage nach dem warum der Apokalypse wird dabei nicht beantwortet. Darum geht es auch nicht. Dieser Film ist kein Lehrvideo für das kommende Armageddon, kein Emmerich’sches Weltuntergangeffektspektakel; es gibt keine Erklärungsversuche und keine Rettungspläne. “The Road” portraitiert still und leise die Menschen, die mit dieser Welt geschlagen sind, die sich diesem Leben stellen oder eben kapitulieren.

Der Titel ist programmatisch: Die Straße ist eine Idee, eine Metapher als letzter Hoffnungsträger. Die Übriggebliebenen wissen, dass es nicht besser werden kann, nur noch schlimmer. Es ist das letzte Kapitel einer Welt der Erinnerungen, die langsam stirbt; eine Menschheit, die vergeht und die die Menschlichkeit längst unter einer dicken Staubschicht beerdigt hat.
Ansehen!

Mensch, Hegel

Der Mensch ist Nacht, dies leere Nichts. Diese Nacht erblickt man, wenn man dem Menschen ins Auge blickt – in eine Nacht hinein, die furchtbar wird.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Jenaer Systementwürfe, 1805

Neue alte Probleme

Neue Probleme sind alte Probleme sind die Probleme von Morgen. Also neue Probleme. “Das Magazin mit heißen Geschichten”, so steht es dort. Kucken Sie sich das ruhig mal an, es lohnt sich. Nicht nur weil Winter ist. Und nicht nur weil es ebenso phänomenal aussieht wie Himmelende. Dafür kann aber keiner was.

Little Things We Share

You know how I define the economic and social classes in this country? The upper class keeps all of the money, pays none of the taxes. The middle class pays all of the taxes, does all of the work. The poor are there… just to scare the shit out of the middle class. Keep ‘em showing up at those jobs.

George Carlin, amerikanischer Stand-Up Comedian, Schauspieler und Autor, 1937 – 2008

Eine überzeugende Vorwegnahme der unbestreitbaren Langeweile urbaner Menschen im einundzwanzigsten Jahrhundert

Man muss jemand sein, bevor man etwas mitzuteilen hat.

Wer auf einer Website wie Facebook nur noch als Datenmenge existiert, ist ein reduzierter Mensch geworden. Deren 500 Millionen Mitglieder liefern sich der Gedankenwelt eines jungen Nerds aus, dessen Werte die meisten von ihnen wohl kaum teilen. Das Ziel ist eine gleichförmige Welt. Ein Essay der britischen Schriftstellerin Zadie Smith.
Facebook: Generation Warum?