Es gibt einen Trick, um weder Spacko noch Sportskanone zu sein: Man ist niemand. Das ist leichter, als man glaubt. Ja, man muss nur Praktikant oder Hospitant oder dergleichen sein. Dann ist man zumindest immerhin irgendwas, aber auch nur unwesentlich mehr als niemand.
Soziales Leben: Wie sieht die denn aus?
Nichts lieben wir derzeit mehr als den Verdacht: Hat Peer Steinbrück das Schachbrett heimlich umgestellt? Warum trinkt Christian von Boetticher Champagner auf Sylt? Hat meine Kollegin Magersucht? Und mein Nachbar sich das Gesicht liften lassen? Über eine ungesunde Leidenschaft.
Bitte denke nach über die Verwurzelung folgenden Begriffes in der Sprache
Stand auf dem Marienplatz, zehn Minuten zu früh zur Arbeit. Betrachtete in Ruhe die Dinge um ihn herum, die Details der Rathausfassade. Zeit nehmen zum Beobachten, es lohnt sich wirklich immer. Später würde es geregnet und er im Tumult des Alltags diesen stillen Moment auf dem Platz vergessen haben.
Der Lieferwagen eines Bäckers fuhr vorbei und er betrachtete das Werbemotiv auf dessen Seite: ein Brotlaib, auf dem “Ur-Laib” stand und ein weiterer Spruch darunter, den er sich nicht merken konnte. Da nur dieses Brot und das Wort auf weißem Untergrund zu sehen war, wurde ihm plötzlich die Verwurzelung des Wortes “Leib” in seiner Sprache bewußt, wie sie ihm zuvor noch niemals bewußt geworden war. Während der Lieferwagen langsam an ihm vorbeischunkelte, musste er über diese Zusammenhänge nachdenken: Der Brotlaib, der erst ab dem 17. Jahrhundert zur besseren Abgrenzung mit einem “a” geschrieben wurde; Brot als Grundnahrungsmittel also, das Leben sichert. Der Körper des Menschen, der Leib, dieses zerbrechliche Gefährt, in dem die Seele wohnt. Der Leib Christi als Zentralgedanke der christlichen Spiritualität. Das alles hing plötzlich auf eine seltsame Art und Weise zusammen, es deutet scheinbar auf irgendwas besonderes hin. Fünf Minuten später würde das Glockengeläut des Alten Peter sämtliche seiner Überlegungen in dieser Richtung getilgt haben.
So kann das nicht weitergehen: Ich personifiziere mein Diktiergerät zu sehr, ich komme damit einfach nicht klar. Es trägt keinen Namen, was sicherlich auch gut so ist; aber immer wenn ich es anschalte, fühle ich mich plötzlich unbehaglich und verstockt, ja regelrecht beobachtet. Ich bin von der Tatsache, dass es mir zuhört so gelähmt, dass ich nicht mehr sprechen und schon gar nicht mehr denken kann. Als stünde ich vor einem Zwölfmillionenpublikum und müsse nun die einzige Wahrheit verkünden. Verstärkerrauschen, Zungenschwere. Vierundzwanzigmillionenaugen, Warten.
Also, alles rein hypothetisch.
Aufnahme.
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“Lust ist der einzige Schwindel, dem ich Dauer wünsche.”
- Christian Schad, deutscher Maler der Neuen Sachlichkeit, 1894 – 1982
Ringsum liegt unsere riesige, heulende Mutter Natur, so schön und um ihre Kinder so besorgt wie eine Leopardin, und doch werden wir ihrer Brust so früh entwöhnt und wenden uns der Gesellschaft zu, jener Kultur, die ausschließlich aus der Interaktion zwischen Menschen besteht – es ist eine Art intensiver Inzucht, die bestenfalls einen englischen Adel hervorbringt, eine Zivilisation, die nur allzu bald an ihre Grenzen stoßen muß.
In der Gesellschaft und in den besten Institutionen der Menschen kann man leicht eine gewisse Frühreife ausmachen. Wir sind bereits kleine Männer, wenn wir doch noch im Wachstum begriffene Kinder sein sollten. Gebt mir eine Kultur, die viel Schlamm von den Sumpfwiesen holt und ihn in den Boden einarbeitet, anstatt sich allein auf erwärmten Mist, verbesserte Geräte und neue Kultivierungsmethoden zu verlassen!
aus “Vom Spazieren” - Henry David Thoreau, US amerikanischer Schriftsteller und Philosoph, 1817 – 1862

