Haben wir nicht genug? Wie sich Ökonomen ein System vorstellen, in dem nicht zwanghaft immer mehr produziert werden muss.
Vom Altern
Dass Frauen älter werden, davon hatte ich gehört. Dass Frauen an meiner Seite ebenfalls älter werden, davon war nie die Rede.
Die wahnsinnig unglaubwürdige Geschichte eines kürzlich verstorbenen Literaturwissenschaftlers
Als Steinbeck die ersten Schritte auf den Balkon setzte und sich selbst nicht gehen hörte, war das für ihn ein untrügliches Zeichen, dass er nicht mehr am Leben sein konnte. An jedem Dreizehnten des Monats hing er sein Jacket auf einem langen braunen Kleiderbügel an einem Haken des Balkongeländers auf. Er musste wohl innerhalb der letzten zwei Stunden, irgendwann zwischen Morgentoilette und Frühstück gestorben sein, was alles in allem betrachtet sicherlich ein höchst bedauerlicher Zustand war. Schließlich hatte er sich doch noch so viel für den heutigen Nachmittag vorgenommen: die Begonien umtopfen, ein Paket von der Post abholen und Nachbar F. sagen, wie sehr ihm sein Wecker mal wieder auf die Nerven ging und dass er ihm jetzt wahlweise mit Gewalt drohe oder auf Einsicht hoffe und der Nachbar den Wecker bitteschön freiwillig entsorgen oder sonstwas mit ihm anstellen solle, was in Gedanken Steinbecks bevorzugte Option gewesen wäre, schließlich hielt er nicht viel auf Gewalt und überhaupt hasste er es, anderen Menschen die nackte Faust entgegenzustrecken. Aber nun war Steinbeck nicht mehr am Leben. Das hielt ihn jedoch nicht davon ab, sein graues Jackett mit dem Fischgrätmuster auf den langen braunen Kleiderbügel zu hängen.
“Kontinuität ist alles! Das schafft Sicherheit, das schafft Perspektive!”
Mit einiger Genugtuung betrachtet er noch eine Weile das junge Treiben auf der Straße, blinzelte in die Morgensonne und war trotz (oder vielleicht wegen) seines unerwarteten Ablebens erstaunlich guter Dinge.
“Endlich keine Rezensionen mehr schreiben und Vorträge für Symposien vorbereiten und Abwassersteuer zahlen müssen. Sehr schön, sehr schön, sehr schön!”, während er sich die Hände rieb.
“Und überhaupt, diese ganzen Talkshowrunden waren mir eh schon immer zuwider, alles blasierte, eingebildete Dummschwätzer!”
Nur um auf Nummer sicher zu gehen, ging er zurück in die Küche, nahm die Kaffeekanne, die noch in der eingeschalteten Maschine stand und einen Rest heißen Kaffees enthielt, ging hinüber zum Spülbecken und schüttete den Inhalt der Kanne über seine Hand. Die braune Flüssigkeit ronn über seinen Handrücken hinab, die dicken schwarzen Härchen seiner Haut streckten sich dabei wie kleine Äste einer Schlammflut entgegen, bis der Kaffe ganz im Abguss verschwand und ein blubberndes Geräusch erzeugte. Nichts: Kein Schmerz, kein Gefühl, keine Verbrühung.
Jetzt sah Steinbeck seine Chance gekommen. Endlich konnte er F. mal richtig die Meingung sagen, die Leviten lesen, rumposaunen und mit wahnsinnig ausschweifenden Armbewegungen seine fleissig über die Jahre gehegte Koprolalie unterstreichen: nichtsnutziger Scheißkerl, assoziale Arschkrempe, und am Ende würde Steinbeck vielleicht sogar ein kleines bisschen Gewalt anwenden, nur ein bißchen würgen oder dergleichen, ohne dabei fürchten zu müssen, selbst allzu viel abzubekommen. Tote sind da ja bekanntermaßen in einem entscheidenden Vorteil gegenüber den Lebenden, zumindest was die Schmerzempfindung betrifft.
Also stürmte er zur Tür, jedoch nicht ohne vorher die Kaffeekanne wieder in die Maschine zu stellen. Dabei sah er jedoch nicht, wie auf dem Anrufbeantworter im Flur das kleine rote Lämpchen blinkte, das auf einen verpassten Anruf hinwies.
Im Treppenhaus war eine Änderung eingetreten. Der Plastikmüllsack des Nachbarn, der für gewönlich tagelang faul gegen dessen Türstock lehnte war weg. Ebenso war die Fußmatte des Nachbarn weg, wie überhaupt alle anderen Fußmatten vor allen anderen Türen, was Steinbeck jedoch ganz gelegen kam, Fußmatten verunstalteten schließlich das Gesamtbild und er war der einzige im ganzen Haus, vor dessen Tür keine lag. Als er jedoch an das Geländer des Treppenhauses hernatrat und nach unten blickte, traute er seinen Augen kaum: Ein abbysischer Abgrund tat sich da vor ihm auf! Das Treppengeländer führte in einer scheinbar unendlichen Spirale nach unten fort, Stockwerk um Stockwerk um Stockwerk, bis das fraktale Bild des Treppenhauses irgendwo da unten in grauem Dunst versank. Sein Atem stockte. Und als er einen Schritt zurücktrat und nach oben sah, ließ ihn der Anblick taumeln. Beinahe wäre rückwärts wieder in seine eigene Wohnung gefallen, denn auch nach oben war das selbe zu sehen: Eine sich endlos in die Höhe schraubende Treppe, ein repetetives Bild im Bild im Bild, das bald ganz klein wurde und in einem nadelspitzgroßen Punkt zusammenfloss, bevor es vom grauen Dunst verschluckt wurde.
“Grundgütiger Gott! Das ist unmöglich! Das kann nicht… das darf nicht sein! Das ist Hochparterre! Verdammt, ich zahle schließlich für’s Hochparterre und den angemieteten Keller und…”, er trat noch einmal an das Geländer heran um sich zu vergewissern, ob er wirklich richtig gesehen hatte. Keine Frage, die Sache war eindeutig: Nach unten hin gab es keinen Boden und nach oben hin keine Decke und die Treppe führte so weit man sehen konnte in beide Richtungen endlos weiter. Steinbeck fasste sich ein Herz:
“Hallo?!”
Nichts.
“Halloohooo?!”
Es gab in diesem irren Haus nicht nur keine endliche Treppe und keinen Boden und keine Decke und keine Türmatten. Es gab zu seiner allgemeinen Verwunderung auch kein Echo. Steinbeck wollte es wissen.
“Ich bin vielleicht tot, aber ich bin immer noch bei Verstand!”, kramte in seiner Hosentasche, fingerte ein zehn Cent Stück heraus und schnippte es über das Geländer in die Tiefe.
“Mal sehen, wie lang’ das dauert. Das ist wie bei einem Gewitter, man muss nur die Zeit zwischen Blitz und Donner zählen, und man weiß, wie weit es noch weg ist.” Und so zählte Steinbeck.
“21, 22, 23, 24…”, er verstummte und setzte die Reihe in Gedanken fort.
45, 46, 47, nichts.
69, 70, 71, 72, noch immer nichts.
“Also, das ist doch…”, und er lehnte sich über das Geländer und kniff die Augen zusammen, in der Hoffnung, dort unten in der Ferne doch irgendwas erkennen zu können.
“Gut, vielleicht habe ich den Aufprall überhört.”, und er kramte ein weiteres mal in seinen Hosentaschen, fand aber nichts ausser Hosentaschenkrümeln. Er blickte zur Zeite und beschloss, hinüber zu F. zu gehen um zu fragen, ob ihm nicht etwas aufgefallen sei. Das kleines bisschen würgen könnte man ja auf später verschieben.
Steinbeck klopfte, es tat sich nichts und nachdem er ein zweites mal klopfte und wieder wartete und sich immer noch nichts tat, wollte er klingeln, erstarrte jedoch in seiner Bewegung. Auf F’s Türschild stand nicht “F.”, sondern “Steinbeck”! Und F’s Türe sah auch nicht aus wie F’s Tür für gewöhnlich aussah – mit den Kratzern im Holz um das Schlüsselloch herum, wenn der mal wieder spät Nachts besoffen nach Hause kam und auch beim hundertsten Versuch nicht das Türschloss traf. F’s Tür sah aus wie seine Tür!
“Nichtsnutziger Scheißkerl!”, und ohne zu klingeln ging er zur nächsten, zu M’s Tür. Das gleiche Bild: Eine massive Eichenholztür ohne Kratzer und Fußmatte, Klingelschild “Steinbeck”.
“Jetzt aber!!”
Auch die nächste und übernächste Tür lieferte das gleiche Ergebnis. Und als er das darunter liegende Stockwerk inspizierte und etwas aus der Puste wieder zurück zu seiner offenestehenden Haustür kam, war für ihn die Sache ziemlich klar:
Entweder gab es in diesem Haus eine ganze Legion von Mittätern, so etwas wie eine Verschwörung, die allesamt vorgaben, nicht zuhause zu sein und in einer Wohnung lebten, die wie seine aussah, zumindest von aussen. Oder es gab in diesem ganzen Haus tatsächlich nur seine Wohnung, in millionenfacher Wiederholung. Und nur einen Menschen und das war er.
“Na, da gibt es eine Menge, das ich das nächste Mal bei der Mieterversammlung ansprechen muss.”
Steinbeck ging zurück in die Wohnung, schloß die Tür hinter sich und seufzte tief. Es war noch früher Morgen und er fühlte sich schon so verwirrt und überhaupt bereitete ihm die Sache einiges Kopfzerbrechen. Erst jetzt sah er den Anrufbeantworter, der die ganze Zeit mit einer Nachricht auf ihn wartete. Die alte Maschine klickte andächtig, als er sie aktivierte und es dauerte noch eine ganze Weile, bis er diese eigenartige Stimme hörte.
Draussen fiel ein zehn Cent Stück durch das Treppenhaus.
Der erste Satz wird ganz von alleine kommen.
In unserem Bewusstsein gibt es dauernd einen Satz, der ausgesprochen werden will.
La candeur infernale de la jeunesse
Amphetamin-Annie war sich nicht zu schade ihren Badeanzug abzustreifen und mit ihren Brüsten vor den Gesichtern der Männer am Tresen zu wackeln. Die Stimmung in der Bar war fickrig und aufgeheizt, nur das Dröhnen aus den Boxen übertöhnte noch das Johlen. Es roch nach Alkohol und schwitzenden Männern. Hätte man ihr früher davon erzählt, dass sie eines Tages mit ihren großen, weichen, wohlgeformten Brüsten ein Menge Kohle scheffeln würde: Sie hätte sich wohl umgedreht und wäre lachend davongelaufen. Und würde man Amphetamin-Annie jetzt sagen, dass sie nicht viel später ungleich mehr Geld mit ganz anderen Sachen verdienen würde: Ihre Reaktion fiele heute sicher nicht anders aus.
Früher, das war ein bestimmter Ort, eine Zeit und ein Junge, der mehr als alle anderen in sie verliebt war. Damals saßen sie beide in der letzten Klasse des städtischen Elisabeth-Gymnasiums und versuchten sich auf die Reaktionsgleichungen der Photosynthese zu konzentrieren, so gut sich Jungverliebte auf Reaktionsgleichungen in der Schule eben konzentrieren können. Der Junge fiel damals durch die Abiturprüfung, Annie schaffte den Abschluss, mit einem ziemlich guten Durchschnitt sogar. Ein paar Wochen später war ihre Beziehung zu Ende und er würde sie die nächsten dreieinhalb Jahre nicht wiedersehen. In dieser letzten Abschlussklasse hätte es viele Mädchen gegeben, die ihm gefielen aber Annie hatte etwas besonderes: die Röte in ihrem Gesicht, wenn sie ein Referat halten musste. Andere Mädchen pressten ihre Lippen so fest zusammen, dass sie sich blutleerweiß verfärbten; wieder andere wurden vor Aufregung nur am Hals rot oder auf der Stirn. Einmal musste ein Mädchen über die Bedeutung der Frauenrolle in Fontanes “Effie Briest” referieren, bei der lediglich die innere Ohrmuschel rot wurde. Aber Amphetamin-Annie war tatsächlich das einzige Mädchen auf dieser Welt, das, wenn es nervös wurde oder sich schämte, rote Flecken in der Form von Norwegen auf beiden Wangen bekam und deren Symmetrie von erstaunlicher Gleichförmigkeit war, fast wie bei einem Rohrschach-Test.
Die raue Hand eines Bauarbeiters schnellte hervor und quetschte ihren linken Busen fest zusammen; Annie sagte nichts, sie schlug die Hand des Mannes weg, ging einen Schritt zurück und tanzte weiter. Und man sah Norwegen leuchten, rot und symmetrisch auf beiden ihrer blassen Wangen, während ein junger Mann mit Anzug und Krawatte, der lange in der Türe stand sich umdrehte und davonging.
Fragen
Du kannst so vieles erst verstehen
Wenn du dir selbst die Neugier lässt.
Wer Augen schließt um Schönes nur zu sehen,
der wird dem Blinden gleich und vieles ihm entgehen
Von all dem Welt gewordenen Rest.
Gestatte dir, dich hin zu neigen
zu dem, was dich zur Frage drängt.
Das ist uns Menschen seltsam eigen
Drum möge man uns bitte zeigen
Wie alles stets zusammenhängt.
- Martin Kießling
Dead Man
The ancient tradition that the world will be consumed in fire at the end of six thousand years is true;
As I have heard from hell.
The whole creation will be consumed, and appear infinite and holy, where as it now appears finite and corrupt.
This will come to pass by an improvement of sensual enjoyment.
If the doors of perception were cleansed, everything would appear to man as it is, infinite.
Der Arzt hat die Wahrheit gesagt.
Die Zeit ist bemessen.
Warum ich und warum jetzt?
Ein Mann lässt Frau und Kinder zurück, Eltern, Freunde,
Nachbarn und die Geliebte von Gestern,
die Personen in seinem Leben.
Tag um Tag ein Stück Abschied.
Die Worte werden weniger, länger dauert das Schweigen.
Vor dem Fenster wechselt das Jahr die Farben.
Sterben ist eine letzte Arbeit.
Nicht allein sein, während man allein bleibt,
das ist vielleicht gut.
- Wolfgang Kohlhaase
Wie sieht Sterben aus?
Jenseits aller Metaphysik untersucht Andreas Dresen in seinem Film “Halt auf freier Strecke” die Verbindung von Kino und Tod.