Aufrichtigkeit

“Bevor ich mir durch Heuchelei zehn Freunde verschaffe, verschaffe ich mir lieber durch Aufrichtigkeit hundert Feinde.
Oh, ich weiß die Aufrichtigkeit hochzuschätzen, denn sie ist ein Geschenk meines guten Engels, er hat sie mir als Wickel in die Wiege gelegt, und ich nehme sie als Leichentuch mit in den Sarg…”

aus dem Vorwort zu den “Sämtlichen Gedichten”
Sándor Petöfi, ungarischer Dichter, 1823-1849

Und schließlich ein Geist unter Geistern

(And finally a ghost among ghosts)

Wow, diese Meldung hat mich einigermaßen umgehauen. Trail-Guide und Ultramarathon-Legende Micah True alias “Caballo Blanco” ist tot. Ich wusste noch nicht mal, dass er seit vier Tagen vermisst wurde. Auf seiner Facebook-Seite finden sich zu hunderten Beileidsbekundungen unter seinen Fotos.

Caballo Blanco, was übersetzt “weißes Pferd” bedeutet, war schon zu Lebzeiten ein Mythos. Für viele Jahre zog er sich in die Abgeschiedenheit der Sierra Madre zurück und war einer von wenigen Gringos, der von den Tarahumara, einem indigenen Volksstamm aus dem Norden Mexikos aufgenommen und respektiert wurde. Doch erst, als ihn Christopher McDougall in seinem Buch “Born To Run” als eine der Hauptpersonen einführte, wurde er einem Millionenpublikum bekannt.

Micah war ein extremer Distanzläufer, der mit seiner Art an das (Lauf)erbe der Menschheit erinnerte. Er hatte eine besondere Fähigkeit, sich an die Natur, an die urtümlichen Völker heranzufühlen. Mit dem von ihm veranstalteten Copper Canyon Ultramarathon (hier auf Facebook) machte er auf die krasse Armut der hiesigen Indianerstämme aufmerksam. Trotz der durch das Buch neugewonnenen Medienöffentlichkeit produzierte er sich niemals als eine One-Man-Egoshow. Selbst in den vielen späteren Vorträgen, die er hielt sieht man, wie aufgeregt er ist.

Für zigtausende Läufer rund um den Globus war er ein Idol; für viele war er der Grund, warum sie ihre High-Tech-Laufschuhe in die Tonne traten und fortan mit nicht viel mehr als ihren blanken Füßen durch die Welt rannten.
Für mich war er eine sehr große Inspirationsquelle, der Mas Loco unter den Läufern, mit einem besonderen Draht zum Universum.

“To live with ghosts requires solitude”, lautet eine Passage aus dem Buch. “Mit Geistern zu leben erfordert Einsamkeit.” Das weiße Pferd hat jetzt wohl die die letzte Barriere erreicht.
Ruhe in Frieden, Micah.

“I don’t want anyone to do anything except come run, party, dance, eat, and hang with us. Running isn’t about making people buy stuff. Running should be free, man.”

“Don’t fight the trail. Take what it gives you … Think easy, light, smooth and fast. You start with easy because if that’s all you get, that’s not so bad. Then work on light. Make it effortless, like you don’t give a sh*t how high the hill is or how far you’ve got to go. When you’ve practiced that so long that you forget you’re practicing, you work on making it smooooooth. You won’t have to worry about the last one — you get those three, and you’ll be fast.”

“Caballo Blanco is no hero. Not a great anything. Just a Horse of a little different color dancing to the beat of a peaceful drum and wanting to help make a little difference in some lives. If I were to be remembered for anything at all, I would want that to be that I am/was authentic. No Mas. Run Free!”

UPDATES
09.05.2012:
Autopsie bestätigt Herzversagen als Todesursache von Micah True
Washington Post: Autopsy points to heart disease as cause of death for ultra-runner Micah True
04.04.2012:
Who was the mysterious White Horse?” – Chris McDougall
03.04.2012:
Mike Sandrock: Micah True lived the dream: simply, fully
ESPN: Crews recover Micah True’s body

Und ein paar Videos gib’s dazu hier:
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Zynismus 2012

Allein unter vielen

(Alone in a crowded room)

München, 28.03.2010 – Rettungsleute finden mumifizierte Leiche
Eine 90-Jährige hat länger als zwei Jahre tot in ihrer Wohnung in Neuhausen gelegen – und niemand hat es bemerkt. Erst als der Briefkasten übergequollen sei, habe der Hausmeister die Feuerwehr alarmiert, sagte ein Polizeisprecher am Dienstag. Rettungsleute hätten die mumifizierte Leiche am Freitag im Flur der Wohnung gefunden.
(Quelle: Welt.de)

Stadtleben offenbart ein an sich bizarres Beziehungsmuster. Wir leben dichtgedrängt Tür an Tür, rotten uns in urbanen Verflechtungen aus Beton, Stahl und Glas zusammen; wir suchen unseresgleichen und dennoch gibt es eine wesentliche Grundvoraussetzung, die dieses Zusammenleben erst möglich macht: Anonymität.

Ohne einen gewissen Grad an Anonymität wäre diese Art von Zusammenleben auf engstem Raum nicht realisierbar. In ländlicher Gegend sucht man Abgeschiedenheit und grüßt dennoch jeden Spaziergeher. In der Stadt ist es genau andersrum: Dort, wo man sich bewusst für das Leben unter vielen, bewusst für die Masse entschieden hat, sucht man vor allem eines: Abgrenzung. Durch diese besondere Möglichkeit, sich also in der Menge fortzubewegen ohne jedem Rechenschaft schuldig zu sein, durch die Innenstadt zu gehen und unter vielen trotzdem anonym zu bleiben – durch diese Gegensätzlichkeit wird urbanes Nebeneinander erst möglich. Eine Privatsphäre in einem öffentlichen Raum zu haben, oder anders:
Allein unter vielen zu sein.

Situation: Wenn 83 Menschen um einen herum in der U-Bahn stehen und sich kaum jemand rührt oder etwas sagt, verwandelt sich diese Situation für sie nicht auch manchmal in einen irgendwie skurrilen Augenblick? Ich sehe mir dann jeden Menschen einzeln an und spätestens dann, wenn ich jeden als Individuum begreife und wieder zurück zoome auf diese stupende Gruppe Mensch, fühle ich mich wie in einem Theaterstück, wie in einer Art lächerlicher Isolationshaft unter Meinesgleichen.

Zurück zu der Zeitungsmeldung vom letzten Mittwoch.
Nach so einer Nachricht gibt es natürlich sofort diese Stimmen: “Wahnsinn, wie kann das sein, dass die Frau da so lange liegt und niemand sieht nach? Hat sich da keiner gefragt, was los ist? Krass, in was für einer Gesellschaft…” und so weiter, und so fort.

Sollte es nahestehende Angehörige geben, berechtigte Fragen. Einen zuständigen Pflegedienst, berechtigte Fragen. Aber wenn es sich um eine alleinstehende Frau handelte, keine Angehörigen und keine Familie; eine Frau, die in dem Wohnhaus auch sonst keine weiteren Kontakte pflegte, bewegen sich dann alle Parameter unseres großstädtischen Beziehungssystems nicht im normalgrünen Bereich, wenn niemand kommt und nach dem Rechten sieht? Oder ist das ihnen schon mal passiert, dass der Nachbar klingelt und fragt, ob alles in Ordnung sei, er habe schon seit drei Wochen nichts mehr von ihnen gehört? Gehen sie Abends nach Hause und fragen sich, ob der ältere Herr im Stockwerk unter ihnen noch lebt? Ob es ihm gut geht, er mit seinem Pils vor den Tagesthemen hockt oder ob er mit dem Gesicht nach unten auf dem Parkettboden liegt und verwest? Nein, wir stellen uns diese Fragen nicht. Und wir erwarten nicht, dass sie sich über uns jemand stellt. Wir rechnen vor allem mit einem: Anonymität. Und das ist in unserem städtischen Lebensmiteinander – oder “Lebensaneinandervorbei” – völlig wertfrei; sie ist weder gut, noch schlecht, sondern einfach Bestandteil der Sache.

Randbemerkung: Solche “Menschen-verwesen-unentdeckt-in-ihrer-Wohnung”-Fälle werden nicht immer, wie eigentlich zu erwarten wäre, durch die Geruchsentwicklung, also durch das Zerfallsprodukt des Menschen selbst entdeckt, sondern durch die stockenden, aus dem Ruder laufenden Prozesse um sie herum: der volle Briefkasten, der zu laute Fernseher, die nicht bezahlten Strom- und Abwassergebühren, etc.

Meat on a mission

Fleisch ist neuerdings auf einer Mission (und damit sind nicht Schweine im Weltall gemeint). Bereits im Februar wurde in mehreren Beiträgen auf Zeit Online, Spiegel (mit Video) und Kulturspiegel darüber berichtet.

Dennis Buchmann, der schon für das Magazin Humanglobaler Zufall verantwortlich war, zeigt dem geneigten Konsumenten auf der Seite meinekleinefarm.org in einer Art Tagebuch das Leben und Sterben von Biofreilandschweinen, also sozusagen den gesamten Verwurstungsprozess, bis hin zum fertigen Produkt. Man sucht sich ein Tier im Schweine-Shop aus (dort ganz ordentlich mit schwarz umrandeten Kondolenzfotos abgebildet) und bestellt das Fleisch eines Tieres, dessen Leben man online verfolgen konnte: Wurst im Glas, Schlackwürste, Mettwurst, Räucherschinken, die ganze Palette. Geschlachtet wird lokal und auf jedem Produkt klebt ein Etikett mit dem Foto des Tieres, das drinsteckt. Wurst mit Gesicht statt Gesichtmortadella also? Dennis Überzeugung:

“[...] Wer auf anonymes Massenfleisch verzichtet und stattdessen nur ab und zu Fleisch mit Gesicht von glücklichen Schweinen kauft, der bringt gutes Karma – für sich, die Tiere und den Rest der Welt.”

Vielleicht muss man nicht gleich mit Karmapunktesammeln anfangen – die Meisten tun sich schon schwer damit, einigermaßen anständige Eindrittelchristen abzugeben -, aber das Prinzip ist nur logisch und vor allem konsequent umgesetzt.
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‪EOL Robot Band covers The Beautiful People

Das Video kursiert schon seit einer gefühlten halben Internetewigkeit herum und ich bin mir immer noch nicht schlüssig, ob es irgendeine höhere Bedeutung hat, wenn eine komplett automatisierte Roboterband – die bezeichnender Weise den Namen End Of Life trägt – Marilyn Mansons “The Beautiful People” covert oder ob es einfach nur eine “nette” Idee ist.

And I don’t want you and I don’t need you
Don’t bother to resist, or I’ll beat you
It’s not your fault that you’re always wrong
The weak ones are there to justify the strong

… sind die ersten Zeilen aus dem Song und er passt wie die Faust auf’s Auge.
Diese Maschinen verspotten uns:

“Seht her, ihr perfekten, schönen Wesen, das Krönchen der Schöpfung, zu was habt ihr es denn schon alleine gebracht? Seid doch mal ehrlich: Ihr braucht uns, um aus der Nummer einigermaßen heil rauszukommen; braucht Containerverladeroboter, Börsen-Algorithmen, japanische Blowjob-Maschinen, Navigationssysteme und Herzschrittmacher, um eure kleine Kiste am Laufen zu halten. Und wir sollen bloß als sidekicks für zweit- und drittklassige Weltherrschaftsalpträume herhalten? Na, besten Dank auch, evil idiot fucks!”
Der Aufruf “If you live with apes man, it’s hard to be clean” ist daher eher als Durchhalteparole unter Maschinenbrüder (und Schwestern, auch unter Robotern bitte eine Genderdebatte) zu verstehen, als ein Appell an uns.

Heutzutage braucht es vielleicht noch einen Arrangeur und Programmierer, aber in absehbarer Zukunft werden uns diese Maschinen in wesentlichen Bereichen überlegen sein.
BD594, der Programmierer dieses Stücks wollte aus seinen Geräten ursprünglich Gary Jules elegische Schmonzette “Mad World” entlocken, scheiterte dann aber an diversen technischen Problemen, wie der Kurzerklärung zu diesem Video zu entnehmen ist.

Aber dann gibt es da noch diese andere Seite:
Ich stelle ich mir einen Planeten voller Elektronikschrott vor, in Bergen von Müll sich autonom organisierende Maschinen, die melancholische Lieder spielen; die alte Sagen, Mythen und Geschichten rezitieren, aus einer Zeit, in der Wesen lebten, die sich selbst “Menschen” nannten.

BD594 hat auf seinem Youtube-Kanal noch weitere ziemlich sehens- und hörenswerte Robot-Band Projekte, unter anderem diese House of the rising sun Adaption mit Oszilloskop und dem guten, alten HP-Drucker.

Gedankenungeziefer, tausendstimming

Und draußen Schnee und Schnee und Schnee und Schnee,
und drinnen schneit es; Frostgedanken,
knacken, erst; dann splittern, wenn sie bewegt werden sollen.

Zerbersten zu millionen Augen, Spiegelfragmente,
Gedankenungeziefer, Gedankenflausen,
wachsen mir aus dem Kopfe,
dort, wo andere Menschen ihre Haare tragen.

Wohin gehen wir?

Wie sieht unser städtisches Leben aus, wenn wir es raffen? Wenn wir die Zeit stauchen, Stunden zu Sekunden verdichten?

Klein und hektisch und schnell sieht es aus; nebensächliche Irrlichter auf ihren Bahnen, die sie immer ziehen. Tagein, tagaus. Wenn Leben akkumuliert wird von der Stadt – pulsierende Lichtquanten, der Vergleich mit Blutbahnen eines Organismus liegt nah - und sich selbst zu einem prozesshaften Muster dieser Stadt verändert; langsam überlagert, bis es irgendwan vollkommen Deckungsgleich und – erhöht man die Blickdistanz – kleinkariert wird.

Es liegt in diesem ständigen herumgeistern eine eigenartige Poesie. Sind es die beständigen Gebäudekomplexe, die wirken, als würden sie schon immer dort ruhen? Mit ihren monolithisch-gleichgültigen Glasfassaden, an denen sich nichts reibt, die nur wiederspiegeln können, was auf sie geworfen wird?

Die Sterne sind nicht dort oben, sind sind hier unten, in dieser Stadt, einer Lichtergalaxie, und sie drehen und schrauben sich: ein auf den Kopf gestelltes Bild. Wo unten oben ist und das Oben unser Unten wird, sollen wir zuhause sein? Das verdreht uns die Sinne. Und dennoch liegt in diesem Trubel und Gewusel eine Stille, die wir viel zu selten wahrnehmen können, weil wir zu sehr in der Zeit stecken.

Die Feuerstelle war dereinst das Zentrum unseres Universums. Heute ist es das fahle Leuchten der Plasmabildschirme, digitale Lagerfeuer der Neuzeit und die Leuchtreklamen an öffentlichen Plätzen.
Menschenströme verschwimmen in elektifizierten Röhren zu einer bunten organischen Masse.

Mit dem Einsetzen des ersten Streichers in diesem Video nehmen wir Abschied von der Stadt; wir sehen Menschen an einem Strand, in einer weniger von uns modifizierten Umgebung. Hier verliert er endgültig die Entwurfs- und Deutungshoheit über “seine” Gebilde, bis er im weiteren Verlauf ganz aus den Szenen verschwindet, nur noch Bergkämme und zuletzt ein Hochplateau und die Sterne zu sehen sind.

Das Video folgt einem ganz bestimmten Pfad: von der untersten Ebene, der technisierten Umgebung im Untergrund einer Metropole, hoch zu den obersten Ebenen der Welt, den Randbezirken, in denen der Mensch eigentlich nichts mehr verloren hat. Man kann das deuten, wie man möchte. Letztenendes sind es einfach nur wahnsinnig schöne Aufnahmen.

Wir sind also bis hierher gekommen, all den weiten Weg.
Aber: Wohin gehen wir?

Dark was the night, cold was the ground

Diese Zugfahrten, raus ins Niemandsland, ins Hinterland, Abends, Dunkelheit. Wenn man nach draussen blicken möchte und nur sich selbst sieht; wenn der Blick anstatt auf Wiesen und Felder, Äcker und kleine Dörfer auf einen selbst zurück geworfen wird. Und alles – das doppelwandige Glas der Zugfenster reflektiert das Bild zweimal – unscharf und verschwommen ist.
“Nur der Spiegel schaut träumend den Spiegel und Stille hat Stille bewacht…”

Diese aus dem Inneren leuchtende Stahlröhre schraubt sich durch die Nacht.
“Anna!”, ruft eine Frau.
“Anna! Wenn du ihr schon nicht helfen kannst, dann lass sie doch wenigstens in Ruhe!”

einfach runterschreiben, was geht. einfach runterschreiben, was man denkt. Was denkt eigentlich? Fluten, hätte Nizon gesagt.
Sagt er bestimmt immer noch.
Nichts komponieren, nichts konstruieren. Steam of consciousness, doch allein dieser Bezeichnung liegt eine fundamentale Fehlannahme zugrunde. Als ob unser Bewusstsein in einem Strom dahinflöße; als ob es nicht fragmentarischer Art sei, gestückelt, zerstückelt, vorwärts, rückwärts, hin und her. Diese Vorstellung ist mir zu eindimensional, als ob sich da irgendwas arrangieren ließe oder mit ein paar schnellen Handgriffen in ein anderes Bett umleiten ließe.

Ich bin da.
Ich muss aussteigen.