Month: September 2009

Die Opposition diskutiert

Es brodelt in der Medienküche. Vier Tage vor der Bundestagswahl überbieten sich die Parteien mit ihren Wahlversprechungen, eine Superlative jagt die Nächste. Dass dabei kaum Rücksicht auf widerspruchsfreie Rhetorik genommen wird, war abzusehen. So fordert “DIE LINKE” auf ihren Plakaten “Reichtum für alle!”, drei Werbeflächen weiter will sie diesen “Reichtum besteuern!”. Heißt also im Klartext: Steuern für alle! Aber das ist mittlerweile ein alter Stiefel.

Die Opposition diskutiert sich den Mund faselig, während sich die großen Volksparteien gegenseitig den Bauch pinseln und den softesten, weichgespültesten Kuschelwahlkampf seit Jahren betreiben. Natürlich hat das Methode. Angela Merkels “Kein Wahlkampf”-Wahlkampf ist unspektakulär, bietet aber auch kaum Angriffsfläche. Frank-Walter Steinmeier hingegen möchte die Unterschiede zwischen den beiden Parteien deutlich machen, bleibt jedoch im vagen. Allein dass er Unterschiede erkenne, unterscheide schließlich die beiden voneinander. Das muss reichen. Basta! Continue reading

Fotos von Salva López

“Marcando el camino” hat Salva López sein Projekt genannt. Er ist Graphikdesigner und Illustrator, kommt aus Barcelona und Google-Translate hat den Titel seines 35mm Fototagebuchs mit “Kennzeichnung des Weges” übersetzt. Aber das ist allerhöchstens Vulgärspanisch und stimmt bestimmt nur ansatzweise, wenn überhaupt. Ich übersetze das jetzt mal frei mit “Wegmarkierungen”. Sollte hier jemand des Spanisch mächtig sein, der korrigiert mich bitte, wenn ich daneben liege.
Jedenfalls, egal wie man das Projekt auch immer nennen möchte, die Fotos sind einfach großartig, da braucht es keinen Text. Also Klappe halten und Salva’s Fotostream anschauen. Entweder direkt auf flickr oder hier bei uns.
(PS: Bildunterschriftenfinder muss ein ganz ganz armseliger Job sein.)

Pumpernickelliebe

Seit wann assoziiert die Pumpernickelindustrie ihr Produkt mit Liebespärchen?

Da gab es wohl in den letzten Jahren einen Paradigmenwechsel. “Ersetze Ökos mit Yuppies und lass sie schmusen.” Sex – oder zumindest verzärteltes Gebussle – sells, auch in der Vollkornbrotwerbung.

Das Kreuz mit dem Kreuz

“Was Deutschland interessiert” will uns Google zeigen und präsentiert zur Bundestagswahl 2009 eine Statistik, so breit, dass sie hier noch nicht mal richtig reinpasst. Die Zahlen in der Grafik zeigen an, wie viele Suchvorgänge für einen bestimmten Begriff verglichen mit der Anzahl aller Suchanfragen bei Google über einen bestimmten Zeitraum durchgeführt wurden. Heißt also: Je steiler die Kurve für eine Partei, desto mehr Interesse. (via Text & Blog)

Ausserdem hat das ZDF auf Youtube einen eigenen Kanal zur Bundestagswahl eingerichtet. Auf „OpenReichstag“ findet man eine ganze Menge Videos, die sich mit dem Thema beschäftigen. Der Kanal bietet die Möglichkeit, sich mit Fragen per Videobotschaft direkt an die Politiker zu wenden. In der Serie „Qual der Wahl“ werden ausserdem die Wahlwerbespots der letzten Jahrzehnte von bekannten Gesichtern der Medienwelt analysiert. Friedrich Nowottny gibt hier unter anderem ein paar exzellente Kommentare ab über die Ära Kohl:

“Scharping (ist) ein politisches Nichts, durch Sockenkauf und Anzugfinanzierung durch ne Werbeagentur gebrandmarkt; in der Luft zerrissen (…) das sind alles Leute von vorgestern.”

Zwei Beobachtungen

Ich war vor kurzem in einer Boutique mit dem Namen „forever 18“. Der Name lässt es ahnen: Hier werden vorwiegend Teenager-Klamotten verkauft, Zielgruppe ist weibliches Publikum. Der Laden war gerammelt voll, rings um mich herum stiegen Hormonwolken auf. Ich hatte mich bis zu diesem Augenblick noch nie so unglaublich unwohl in einem Laden gefühlt. Ich fühlte mich beobachtet; ich fühlte mich, als würde ich ganz fürchterlich auffallen. Irgendwie verständlich, ich war ja auch der alte Hahn im Korb, wenn nicht sogar der Älteste in diesem Hühnchennest. Das war allerdings nicht ganz richtig, ich beobachtete dort nämlich exakt zwei Kategorien Frau:
Mädels, die aussahen wie siebzehn, sich verhielten wie Siebzehnjährige und ohne Zweifel wirklich siebzehn waren. Und als Mädels „getarnte“ Frauen, die aussahen als wären sie gerne siebzehn, als hätten sie den dringenden Wunsch niemals aufgegeben, dass Gott und – vor allem – die Welt sie auch so sähen, es aber seit 30 Jahren schlicht und ergreifend nicht mehr sind, da helfen dann auch keine blondierten Zöpfe und kein Maracuja-Lipgloss mehr. Ich zweifelte an meiner Rolle als Hahnen-Altvorderer, fühlte mich von da an aber trotzdem kein Stück wohler.

iPhone SchmutzhülleDie zweite Beobachtung machte ich in einem Laden für Handyzubehör. Es war eine dieser Beobachtung die mir zeigen, dass es doch vorwärts geht mit der Gesellschaft. Und zwar ganz gewaltig, denn in diesem Handyzubehörladen gab es iPhone-Schutzhüllen, genauer gesagt feste Oberschalen aus Plastik, die auf die Rückseite des Mobiltelefons gesteckt werden, um es vor Kratzern zu schützen. Auf den Schalen waren künstliche Wassertropfen aufgesprüht. Also nicht bloß als Bild aufgedruckt, ein billiger visueller Trick, sondern richtige unechte Plastik-Wassertropfen. Das iPhone sieht damit aus, als hätte es draufgeregnet. Und das finde ich bemerkenswert: Menschen kaufen Schutzhüllen, um ihre Handys vor Wasser und Schmutz zu schützen und kleben dann auf diese Schutzhüllen wiederum künstliche Wasser- und Schmutzspuren drauf, damit die Handys in ihren Schutzhüllen aussehen, als seien sie voll Wasser und Schmutz. Das ist toll, ich würde diese Erfindung “Schmutzhüllen” nennen. Sie bewirken, dass teure technische Alltagsgeräte, wie eben zum Beispiel das iPhone aussehen, als seien sie verdreckt bzw. verspritzt und räumen damit dem Besitzer die Möglichkeit ein, trotzdem ziemlich cool und gelassen zu wirken, während er mit seinem Mobiltelefon herumwedelt und bei Starbucks seinen Grande Latte Macchiato schlürft. Er weiß ja, was die anderen nicht sehen, nämlich: Eine Schmutzhülle schützt sein iPhone vor echtem Dreck, der künstliche Dreck ist Imitation.

Ist das das neue Dandytum? Ich weiß es nicht, der Trend erinnert mich aber stark an den “Vintage Look“, da sah die Mode durch künstliche Verunreinigung auch aus, als käme sie aus der Altkleidersammlung und nicht von Dolce & Gabbana. Schmutzhüllen liegen also im Trend. Das ist wie Fortschritt, bloß in die andere Richtung.

Absage, die Letzte

photo by Katie Arms

Adieu Berlin, du wärst so schön gewesen. Studieren in der Bundeshauptstadt? Yeah, right!
Gestern hatte ich die letzte meiner drei Absagen aus Berlin im Postkasten. Bewerbung für die Freie Universität, Studiengang “Deutsche Philologie als Kernfach, Nebenfach Philosophie.
“Wir danken für Ihr Interesse… bla bla bla… Leider hatte ihr Antrag…”, weiter muss ich nicht lesen. Warum Absage? Schnitt zu schlecht oder Bewerber zu viel? Beides. Mit meinen 2,7 rangiere ich vielleicht nicht in der Liga der mit Handkuss Genommenen, aber…

Anzahl der Bewerber: 902
Anzahl der Studienplätze: 102
Rang der letzten Zulassung in der Hochschulquote: 1,5 (!)

Auch hier wieder eine ähnlich miese Quote, wie bei den letzten Absagen. Nur rund 1/10 der Bewerber hat Aussicht auf einen Studienplatz.

Wohl gemerkt: Wir reden hier von Deutscher Philologie als Kern- und Philosophie als Nebenfach. Das ist nicht Jura, das ist nicht Medizin, das sind keine fucking Neurowissenschaften, das sind ganz billige Brot- und Butter-Studienfächer, nichts mit Handkuss, nichts mit Schoko-Streusel oben drauf.

Gut, dann geht’s halt nicht an die Spree. Aber zwei Dinge möchte ich im Nachhinein festhalten:
Der Andrang an Berliner Universitäten ist gewaltig, das treibt den NC nach oben (bzw. nach unten, je nachdem, wie man rechnet). Keine Frage, es spricht ja auch einiges für ein Studium in der Bundeshauptstadt: Keine Studiengebühren, gute Wohnsituation und natürlich Berlin an sich.
Ding zwei ist eher ein Verdacht, der mich beschleicht. Berlin ist notorisch pleite und das schlägt sich nicht nur in den Ausgaben für deren Bildungsinfrastruktur nieder, dort jedoch eklatant. Lehrstühle können nicht besetzt werden, es fehlt an genügend Dozenten, die Einrichtungen sind unterfinanziert bzw. für den Ansturm nicht gerüstet. Das mag nicht für jede der dortigen Uni’s gelten und an den FH’s sieht die Sache mancherorts sicher auch anders aus. Korrigiert mich bitte, wenn ich falsch liege aber diese Kombination aus Haupstadthype und knapper Kasse führt dazu, dass man selbst in den “billigsten” Studiengängen auf einen NC trifft, der einem knüppeldick die Beine bricht.

So long, Berlin. Schade, du hättest mich von allen deutschen Städten am meisten gereizt. Aber vielleicht kommen wir ja beim Master wieder zusammen. Oder im nächsten Leben. Und dann kann ich endlich meine Hand unter deinem Rock auf Wanderschaft schicken.

Im September nullacht

Da legt die Spätherbstsonne blasse Erinnerungsfetzen über Wiesen und Wege. Ich weiß grad nichts vernünftiges mit mir anzufangen. Und ich weiß: mit dem ist nichts vernünftiges anzufangen.

Ich bin in München. Mit 70 Cent und 2 Büchern unterm Arm. Damit muss ich leben, bis sich mir Geldquellen bieten. Ich hab maßloses erlebt.
Ich bin ganz kaputt von Erinnerung. Und bin eine Nacht gerannt.
Verwechsle bei Lesung “Titanenmund” mit “Tintenarmut”. Pardonnez-moi, Baudelaire.
Ja und jetzt sollte ich endlich mal ein wenig Stochastik üben. Ich “sollte”. Fuck this fucking Konjunktiv. Ich hasse dich, hasste dich, würde dich hassen. Pest und Cholera an deinen gedachten Hals.
Und pfeif auf die Sonne und auf den Tag und koche mir Linsen oder Barilla-Pasta und hab von Bernoulliketten doch keine Ahnung aber Hunger nach Dunkelheit.

Hau jetzt ab zu meinem Wartesaal, sonst klauen sie mir mein Gepäck bestehend aus tausend Worte Stuss. Und dann will ich so ein Glanz werden, der oben ist. Mit weißem Auto und Badewasser, das nach Parfum riecht und alles wie Paris. Was ein Mensch ist, hat Gefühle, sagt sie. Was ein Mensch ist, weiß, was das heißt, dass man eine will und die will einen nicht. Das ist ein elektrisches Warten. Weiter nichts. Aber es genügt.

So gelangweilt, so fantastisch gelangweilt und nicht im Klaren, wohin mit meiner Energie stopfe ich alles mögliche in mich hinein und Laufe und trainiere und trage den Scheitel streng und die Haare kurz. Kurze, strenge Frisur. Und bin ernst und leer, so leer, dass meine Ohren nichts hören und meine Blicke durch alles hindurch wandern, als sei alles Nichts. Und ein Bild geht durch die starren Augen hinein und hört, ach hör doch auf, im Herzen auf zu sein. Le-thar-gisch, jaja, wie Rilkes Panther, sehe ich hinter tausend Stäbe meines Käfigs keine Welt mehr. Dabei fühle ich mich noch nicht mal depressiv sondern nur leer. Oder vielleicht anders herum: unausgefüllt. Depression ist ein fucking event, sagt die Kuttner und lässt Kasse klingeln. Und ich fische im Trüben mit meinen Gedanken, lese viel und trinke heiße Milch mit Honig. Und verkaufe meinen Füller auf eBay, zwecks kein Geld. Wenn du vom Schreiben nicht leben kannst, dann vielleicht vom Gerät, mit dem du schreibst. Klicke dann “Auktion starten” und weiß: morgen geht es steil bergauf.

Gunilla dreht sich

Die Frau ist wieder da. Sie ist weder alt noch jung, ihr graublondes Haar trägt sie offen und lang. Bevor sie sich setzt, dreht sie sich im Kreis und zählt dabei die Runden… eins… zwei… drei… vier… fünf.
An jeder Station wiederholt sich die Szene, die Frau steht auf, dreht sich fünf Mal und setzt sich wieder hin, es sei denn, der Platz ist mittlerweile besetzt, dann dreht sie sich einfach weiter. Miriam hat sie Gunilla getauft, irgendwie klingt das nach einem menschlichen Karussell. Unbekannten, die sie öfter trifft, gibt sie Namen, auch dem Sänger zwei Sitze neben ihr, er heißt Arturo, und dem Mann, Heinz, der ganz ruhig seine Zeitung liest, immer von hinten nach vorne. Die Normalen sind eine Minderheit in der Linie 3, aber vielleicht sind sie das überall und man merkt es erst, wenn man wiederholt hinsieht und Regelmäßigkeiten erkennt, also Ticks.
Arturo singt alte Volkslieder, jedes Mal ein anderes, aber manchmal nur eine Zeile davon. “Die Gedanken si-hind frei”, singt er heute, davon kann er alle Strophen, ein kleiner Junge starrt ihn an wie einen Geist. Als der Sänger ihn anlächelt, bekommt er Angst und versteckt sich hinter seiner Mutter. “Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschießen…” Miriam stellt sich vor, das ginge doch, ein Gedanken-Amoklauf, peng, peng, peng, lauter klitzekleine und auch große, schöne Gedanken, die tot zu Boden fielen, bis alle Menschen leer wären im Kopf, atmende, schwitzende, fühlende Hüllen. Ob sich dann noch jemand küssen würde? Und warum?
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Beziehungsanleitung

Stundenprotokoll, im Wartezimmer. Szene 01: Männer lesen Audi-Magazine, Frauen Cosmopolitan. So verteilt sichs, denke ich mir. Die einen, die tragen blau und spielen mit Autos und später dann Krieg. Und die anderen, die tragen rosa, ziehen Puppen an und können im Regelfall nicht werfen.

Also: Bedrückende Wartezimmerstille, nur wenige Menschen, zusammengepfercht in einer Atmosphäre des Schweigens. Hier gilt nur eine hohe Kunst: möglichst geräuschlos Seiten mit Rezepten aus Magazinen zu reissen. Die Frau neben mir trägt schweres Frauenparfüm; so eines, das betagte Frauen halt tragen, wenn der Charme der Jugend seit mindestens drei Jahrzehnten verweht ist. Aber das wollen sie nicht zugeben, warum denn auch, ist ja ihr gutes Recht, ab einem gewissen Alter darf man stinken und man darf darüber erhaben sein. Und dann meinen sie es besonders gut mit der Parfumdosierung und versuchen, was die verdörrte Blüte jugendlicher Ausstrahlung eben nicht mehr hergibt olfaktorisch mit Moschusduft zu übertünchen. Es kräuselt und juckt in meinem Riechkolben, meine absterbenden Geruchssinneszellen verbuche ich später als Kollateralschaden, während sich über den Köpfen eines innig busselnden Pärchens mir gegenüber Hormonwolken bilden, die langsam aufsteigen. Hüben bekomm ich olfaktorisch eine geklatscht, während drüben in Oralseen getaucht wird.

Der Duft des Parfums kratzt in meinem Hals. Als ich mich räuspere, riskiere ich den ersten kritischen Blick. Stehe also auf, gehe zu dem Wasserspender und lasse mir ein Becher raus. Wasserspender gluckst, Wartezimmerlautsprecher schnarrt: Frau Hartmann bitte. Betagte Dame mit ausgelaufener Parfumflasche steht auf und geht. Gestank bleibt. Ich setze mich, beobachte die andere Frau links neben mir. Sie studiert stolz die Bedienungsanleitung ihres neuen Handys. Das interessiert mich, warum weiß ich auch nicht genau. Nun krame ich in meiner Tasche, will auch etwas stolz sein und ziehe einen Liebesbrief meiner Freundin heraus. Beziehungsanleitung. Die riecht auch nach Parfum, aber gut. Ach Quatsch, es riecht Millionen Nasenlängen besser, als dieser Nuttendiesel von vorhin. Würde mich eine der Damen um mich herum nur einigermaßen aufmerksam betrachten, sie sähen in mein strahlendes Gesicht. Ein breites Grinsen, vor Freude. Und eine Nase, die andächtig am Liebesbeweis schnüffelt. Kleines Wartezimmerglück in Langeweile.
Dann: Wartezimmerlautsprecher schnarrt erneut, Name wird ausgerufen, Abgang.

© 2014 HIMMELENDE

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