Elfeurofuffzig Milieustudie

7 Euro Eintritt für den Club, 3.50 Euro ein Becks, 1 Euro Garderobe. Zum Rhythmus schüttelnde, zuckende Leiber. Der Laden ist rappelvoll, wer nicht die wenigen Quadratzentimeter Freiraum für tanzende Bewegung braucht, der schiebt sich vorbei. Körper reiben auf Körper, sie drücken sich aneinander, ganz unbeabsichtigt spürt man Hüften, Brüste, Ärsche, Ellbogen; hat nach Aprikose-Kokosnuss-Ingwer duftende Haare im Gesicht, sie wirbeln einem über die Augen; nasse T-Shirts, die an den Armen kleben bleiben. Alles windet sich, eine nach so großer Betörung gierende Masse Mensch in Aufruhr. Und alles rüttelt sich, nur ich bleibe statisch.

So verdammt statisch, so gehemmt. Ein deplatzierter Gehemmter steht daneben, ich fühle mich so und dieses Gefühl des daneben stehens lässt mich nur noch verkrampfter werden. Ich würde gerne, ich würde gerne mitschwingen, aber ich kann nicht, nicke stattdessen nur mit dem Kopf. Ganz leicht, das signalisiert zumindest schon mal Anerkennung für die aufgelegte Musik. Sie gefällt mir wirklich. Die Leute beäugen mich argwöhnisch, ich versuche krampfhaft zu lächeln, pudere ein bisschen die Maske Fröhlichkeit. Ich werde und werde nicht locker, kralle mich an die teuerste Flasche Becks, die ich je erstand und würde gerne aus mir heraus. Zwei Schritte gehe ich dann von der Wand weg, an die ich mich drängte und vor der ich unsichtbar werden wollte, wie das Chamäleon im Urwald. Der Laden wird immer voller, die Stimmung immer aufgeheizter. Bin froh um die Ohropax, die ich mitnahm. Der Bass drückt die Luftmasse in alle Richtungen des Raumes, die Luft in meiner Lunge flattert, mein ganzer Körper und die Kleidung vibrieren. Mein Hemd zittert, es fühlt sich an wie tausend haarfeine Stecknadeln, die auf die Haut rieseln, fühlt sich an wie tausend nervös pogende Ameisen. Alle Mädels um mich herum sehen so fantastisch aus.

Kurz bevor ich mich an diesem Abend durchringen konnte, in den Club zu gehen, fühlte ich mich alt. Ich fühlte mich wie ein alter, dreckiger Bastard, kein bisschen aufgestiegen und noch immer zwei Kategorien unter dem kleinen Leben. Jetzt im Club ist das Gefühl nicht besser. Und als ich den Club verließ – zu einer Uhrzeit, zu der die meisten überhaupt erst anfangen auszugehen, ging es mir am dreckigsten. Das da drinnen, das bin ich nicht. Ich wäre es gerne, vielleicht nur ein wenig. Dann der erste Zweifel: Bin ich schon zu alt? Brauche ich andere Drogen? Bin ich verkehrt? Der Club ist ein Raum, der vieles ausklammert. Keine Taliban, kein Terror, keine Telekomrechnung. Das ist nicht das Podium dafür, schon klar. Hier feiert Mensch sich selbst und badet in einer großen Gefühlskiste. Nur ich zieh immer zu früh den Stöpsel für den Abfluss.

Der Clubraum ist in grünes Licht getaucht. Ganz wie im Film Alien. Heute bin ich das Alien. Ich komme heim.

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